Auf der Basis von Geschlecht

Diskussionsbeitrag

10.07.2025

Dass der Kapitalismus ein Geschlecht hat, ist fraglos. Sein grammatikalisches (männlich) und soziales (patriarchal) stimmen — bisher — überein. Aber benötigt er zwingend ein Geschlecht bzw. ein hierarchisches Geschlechterverhältnis? Kann eine kapitalistische Gesellschaft ohne Geschlechtszuschreibungen funktionieren oder braucht sie die Dichotomien für den reibungslosen Ablauf?

Obwohl die feministische Theorie voll von Auseinandersetzungen mit dem Kapitalismus ist, wird die Frage, ob das Patriarchat ihm immanent ist, au􏰀allend selten gestellt. Es wird einfach davon ausgegangen. Im feministischen Kontext bezweifelt niemand die Existenz einer Hierarchie im Geschlechterverhältnis. Jede Statistik, jedes noch so kleine Untersuchungsfeld offenbart eine geschlechtliche Asymmetrie — in der Regel zu Ungunsten von Frauen. Uns begegnet das, was wir bereits in unserem Text Das strukturelle Patriarchat benannt haben, in der Gesellschaft allerorts. Doch strukturell heißt nicht notwendig systemisch, eine Unterscheidung, die wir für essentiell halten. Denn Strukturen sind veränderbar — auch systemimmanent.

Wir wollen die Frage, ob der Kapitalismus ein Geschlecht zwingend benötigt, diskutieren, mit dem Wissen, dass es eine theoretische ist, bei der es nicht um eine Zustandsbeschreibung der aktuellen gewaltvollen, patriarchalen Gesellschaft geht. Will heißen, wir wissen selbstverständlich um den untragbaren Status Quo, was das Geschlechterverhältnis betrifft. Gleichzeitig wissen wir um die erkämpften Verbesserungen mindestens seit der ersten Frauenbewegung Anfang der 1920er. Und um diverse Verschiebungen der Blickwinkel, weil feministische Theorie in Deutschland viel zu lange und ausschließlich westlich sozialisierte, weiße, bürgerliche, cisgender Frauen als politisches Subjekt gesetzt hat. Wir halten an den Begriffen Frauen und Männer fest, weil eine binäre Geschlechterhierarchie die Gesellschaft prägt, in der wir leben, unabhängig von der tatsächlichen Identität einer Person und auch weil die Mehrheit der Menschen sich selbst einem der zwei Geschlechter zuordnet. Geschlecht ist nicht das einzige prägende Identitätsmerkmal, das Menschen kategorisiert und ihnen strukturell einen Platz innerhalb der Gesellschaft zuweist. Dennoch ist es eine Kategorie, in die jede:r eingeordnet wird und die notwendig zu beachten ist, wenn gesellschaftliche Verhältnisse analysiert werden sollen. Wir benutzen die Begriffe ohne Zusätze von Sternchen oder Unterstrich, weil das die harte Realität der Kategorisierung ist, die nicht zu beschönigen ist. Das bloße Nennen von zwei Geschlechtern schreibt diese nicht fest, im Gegenteil: Wer sich der Begriffe selbst beraubt, verbaut sich einen wahrhaftigen Blick auf die Zustände und kann sie nicht einmal mehr beschreiben. Um zum Beispiel geschlechtsspezifische Gewalt zu diskutieren, müssen Männer als Täter benannt werden können. Und Frauen als Betroffene. Genauso ist Gewalt gegen trans Personen nicht im Allgemeinen „Gewalt gegen FLINTA“ korrekt benannt. Zu diesen Punkten ließen sich mehrere Texte schreiben, was wir zu einigen getan haben – zum Beispiel zu feministischer Sprachkritik veröffentlicht im Sammelband Feministisch Streiten und zur Notwendigkeit der Betrachtung des Geschlechterverhältnisses für jede Gesellschaftsanalyse in der jungle world mit dem Titel Unter dem Klebeband.

Zurück zum Verhältnis von Kapitalismus und Geschlecht. In den über 25 Jahren feministischer, linksradikaler Politik ist dieses Thema einer der roten Fäden des afbl. Der Satz „der Kapitalismus kann ohne Frauenunterdrückung nicht existieren“ begegnet uns so oder ähnlich in den meisten Texten vom Ende 1970er bis heute, vom Flugblatt zur Dissertation. Die Frage, „stimmt das eigentlich?“, bildet den Grundstein dieses Textes. Über etwa drei Jahre haben wir ältere und

neuere Texte feministischer Kapitalismuskritik diskutiert, mal wöchentlich, mal im Abstand mehrerer Monate. Nicht alle gelesenen Autor:innen werden in diesem Text zitiert, wenn sie dennoch Teil unserer Positionsfindung waren, sind sie am Ende in der Literaturliste aufgeführt. Unsere Analyse fokussiert auf Deutschland, wir geben keine globale Antwort zum Zustand des Geschlechterverhältnisses, wir beziehen uns auf Diskussionen, die für unseren linken Feminismus relevant sind. Selbstverständlich gibt es noch viel mehr feministische, antikapitalistische Beiträge, auch mit Fokus auf andere Länder oder Weltreligionen. Wir haben nicht den Anspruch hier einen Kanon relevanter Texte aufzubereiten und wir haben aufgehört noch mehr Texte zu lesen, als die Argumente redundant wurden, sie unsere Diskussion nicht mehr weiterbrachten und unsere Position sich herauskristallisiert hatte.

Am Ende könnte unsere Antwort zur Frage ganz ohne Bezüge auf andere feministische Positionen geschrieben werden. Wir wollten aber die Lektüre kenntlich machen und diskutieren, was Feminist:innen bereits veröffentlicht haben.

Wir haben die Texte neben ihrer generellen Position zum Verhältnis von Kapitalismus und Geschlecht, auf das jeweilige Verständnis von (Reproduktions-)Arbeit und auf die Frage, was war zuerst da, der Kapitalismus oder das Patriarchat?, diskutiert. Beiden Punkten ist ein Kapitel gewidmet, in dem wir die Theorien zitieren.

Im letzten Kapitel geben wir hoffentlich überzeugend unsere Antwort auf die Frage, braucht der Kapitalismus Geschlechterhierarchien, und darauf, was diese für die feministische Theorie und Praxis heißen kann.

Eine neue Definition von Arbeit?

Viele feministische Texte, vor allem die der feministischen Ökonomiekritik, beschäftigen sich im Kern mit dem Thema Arbeit. Zum einen ist Arbeit aus marxistischer Sicht eine der zentralen Kategorien, um den Kapitalismus verstehen zu können. Zum anderen spielt sie auf der Alltagsebene eine entscheidende Rolle, sie strukturiert den Tag der Meisten und ist in der Regel notwendig, um sich das Leben leisten zu können. Es ist also naheliegend, dass linke Feminist:innen auch das Geschlechterverhältnis in Bezug zur Arbeit diskutieren. Insbesondere unbezahlte, vornehmlich von Frauen erbrachte Tätigkeiten – mal Reproduktionsarbeit mal Care Arbeit oder Fürsorge genannt – werden in einen Arbeitsbegriff aufgenommen, der sich an Marx orientiert. Weil Marx die Go-To-Theorie in Bezug auf Kapitalismuskritik geliefert hat, scheint auch die Geschlechterdiskussion in marxistischen Termini geführt werden zu müssen, damit diese Form der Arbeit überhaupt gesehen und ernst genommen wird.

Der Arbeitsbegriff, der uns in der Lektüre verschiedener feministischer Auseinandersetzungen mit Reproduktion und (Haus-)Arbeit begegnet ist, unterscheidet sich in vielen Fällen allerdings so grundlegend von Marx’ Arbeitsbegriff, dass der Bezug auf ihn unverständlich wird. Für Marx gilt nur Lohnarbeit als Arbeit, da nur sie produktiv ist, das heißt Mehrwert für das Kapital produziert. Dieser entsteht – ganz verkürzt gesagt – wenn sich unbezahlte abstrakte Arbeit angeeignet wird, also der Wert der Arbeitskraft (= ihre Reproduktionskosten) niedriger ist als der Wert, der durch ihre Nutzung produziert wird. Unter abstrakter Arbeit versteht Marx Tauschwert schaffende Arbeit. In den Wert der Ware Arbeitskraft kann nur eingehen, was selbst von Wert ist, also Waren. Wie diese (z.B. Lebensmittel) „zubereitet“ werden, ist nicht Gegenstand von Marx’ Betrachtung, das Einkommen muss nur hoch genug sein, um die Waren käuflich zu erwerben (inklusive derjenigen für die Familie). Die eigene Hausarbeit ist folglich nicht produktiv, sie schafft höchstens

Gebrauchsmittel für den unmittelbaren Konsum, welche außerhalb der Mehrwerterzeugung stehen. Emotionale und sonstige Fürsorgearbeit ist nach Marx’ Definition ebenfalls nicht produktiv.

Diese Sichtweise wollen viele feministische Autorinnen durchbrechen. In dem Sammelband Materializing Feminism wird sogar so weit gegangen soziale Beziehungen mit Arbeitsverhältnissen gleichzusetzen, denn auch Freundschaften und Partnerschaften seien transaktional und sollen angeblich Mehrwert schaffen, so die Herausgeber:innen in der Einleitung. Auch die Herausgeberinnen von Sexuell Arbeiten haben schon 2007 einen eher entgrenzten Arbeitsbegriff, hier gibt es quasi kein Handeln mehr, das nicht als Arbeit beschrieben wird, selbst das Backen eines Geburtstagskuchens wird kapitalistisch interpretiert.

Es ist nachvollziehbar, betonen zu wollen, dass unbezahltes Putzen, Kochen, die Pflege von Familienangehörigen und Kinderbetreuung anstrengend sind und oft nerven. Nennt man all das aber einfach Arbeit, werden nahezu alle menschlichen Regungen und Tätigkeiten, vor allem die unangenehmen oder anstrengenden unter dem marxschen Arbeitsbegriff subsumiert. Wer jede soziale Handlung, wie den Problemen von Partner:innen zuzuhören oder Freund:innen einen Geburtstagskuchen zu backen, als Arbeit deklariert, unterscheidet nicht mehr zwischen Leben und Arbeit. Der Analysekategorie Arbeit tut man damit keinen Gefallen. Und auch nicht den darunter liegenden feministischen Forderungen, Hausarbeit sichtbar zu machen, aus dem Bereich des Privaten zu holen und auf die Rolle von Hausarbeit in der kapitalistischen Produktionsweise aufmerksam zu machen. Was daran bei allem Verständnis für das Anliegen kritikabel ist, versuchen wir folgend anhand verschiedener Autorinnen und Texte nachzuzeichnen.

Die italienische Feministin Mariarosa Dalla Costa bezeichnet in Die Frau und der Umsturz der Gesellschaft (1973) Frauen im Rahmen der Familie als „Proletarier ohne Lohn“, welchen eine tragende Rolle im Produktionsprozess zukomme, nämlich der Reproduktion der Ware Arbeitskraft. Diese umfasse unter anderem die Versorgung von Kindern, die Zubereitung von Mahlzeiten, die Pflege von Familienangehörigen und die Reinigung des Hauses. Damit würde die Arbeitskraft des Mannes reproduziert und das kapitalistische System gestützt. Hausarbeit geht nach Dalla Costa weit über die Produktion von Gebrauchswerten hinaus, erfüllt eine wesentliche Funktion in der Produktion von Mehrwert und ist als solche selbst produktiv. Sie nennt es den „gesellschaftlich produktiven Charakter der Tätigkeit der Frau im Haus.“ Dalla Costa kritisiert, dass diese Rolle der Frau und das damit einhergehende Unterdrückungsverhältnis übersehen wird und eine umfassende Analyse des kapitalistischen Wirtschaftssystems ohne die Einbeziehung unbezahlter Reproduktionsarbeit nicht zu leisten sei. Dalla Costa geht, wie erstaunlicherweise auch viele andere Autorinnen in der aktuellen Debatte um Care Work, ganz selbstverständlich von einer klassischen Rollenverteilung aus, in der die Frau zuhause den Haushalt schmeißt und die Kinder erzieht, während sich der Mann von der Lohnarbeit erholt. Zum Beispiel, wenn sie schreibt: „Wir müssen das Haus verlassen; wir müssen den Haushalt verweigern, weil wir uns mit den anderen Frauen vereinigen wollen, um gegen alles anzukämpfen, was die Anwesenheit der Frauen im Hause zur Voraussetzung hat […].“ Übersehen werden bei diesem sehr simplen Gesellschaftsbild die vielen Arbeiterinnen und, dass auch Ehefrauen von Kapitalisten Mahlzeiten zubereiten, macht sie das auch zu lohnlosen Proletariern?

Warum so viele Feminist:innen dabei bleiben die Geschlechterrollen als naturgegeben oder dem Kapitalismus inhärent anzusehen, haben wir uns in der Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Geschlecht und Kapital oft gefragt. Es ist frustrierend, dass diese gesellschaftliche

Zuschreibung im linken Feminismus beständig wiederholt und verfestigt wird. Dass Frauen nicht lohnarbeiten würden, geht an der Realität, insbesondere des sogenannten Proletariats, vorbei.

Ohne Zweifel, die Existenz des Kapitalismus basiert wesentlich auf unbezahlter oder zu niedrigen Löhnen verrichteter Arbeit und Hausarbeit. Warum diese aber mehrheitlich von Frauen verrichtet wird, bleibt unbeantwortet, wenn der Fokus nur darauf liegt, den marxschen Arbeitsbegriff auf Hausarbeit auszudehnen. Es ist für eine Analyse des Kapitalismus nicht nötig, Haus- und Fürsorgearbeit unter die marxschen Analysekategorien zu subsumieren. Mehr noch, es schadet der Kritik des Kapitalismus und der Kritik des Patriarchats, Begriffe auszudehnen und zu verwässern, nur um beides zusammen diskutieren zu können. Wir können uns ohne Probleme auch nicht- kapitalistische Gesellschaften vorstellen, in denen Frauen ausgebeutet werden.

Auch die sogenannten Bielefelderinnen um Maria Mies und Claudia von Werlhof rücken mit ihrem Ende der 1970er Jahre geprägten Begriff der Hausfrauisierung nicht von der Vorstellung ab, dass Hausarbeit von Frauen zu leisten ist. Mit dem Begriff der Hausfrauisierung sollte zwar aufgebrochen werden, dass sich der Marxsche Ausbeutungsbegriff primär auf männliche Lohnarbeit fokussiert. Dass Lohnarbeit männlich gedacht wird, nehmen aber auch sie widerspruchslos hin, obwohl sie ja selbst an der Universität lohnarbeiten. Die Bielefelderinnen benennen mit Hausfrauisierung einen Prozess der Entwertung und Unsichtbarmachung von Arbeit, mit dem das Kapital Frauenarbeit separiert und ausbeutet. Hausfrauisierung bezieht sich also nicht nur auf die Hausarbeit selbst, sondern auch auf die „strukturelle Bedingung für die Entwertung aller weiblichen Erwerbsarbeit im Kapitalismus“. Zur Analyse des Kapitalismus sei es essentiell Hausarbeit nicht nur anzuerkennen, sondern auch als Form der Arbeit zu analysieren: Es sei „nur von unten, von der Hausarbeit her“ möglich „alle übrige Arbeit zu verstehen, nicht aber umgekehrt, von der Lohnarbeit her. Im Grunde ist die Hausarbeit, nicht Lohnarbeit, das „Modell’ vonArbeitimKapitalismus“.GlobalgesehenseinichtLohnarbeitdievorherrschendeArbeitsform, sondern was die Bielefelderinnen Subsistenzarbeit nennen und wozu auch Hausarbeit gehöre. Eine Form der Arbeit ohne permanente Beschäftigung und gesellschaftliche Anerkennung – unter niedrigsten Löhnen und längsten Arbeitszeiten, monoton, ohne gewerkschaftliche Organisation, Qualifizierung, Aufstieg, Rechte und soziale Sicherheit. Um Kapitalismus zu verstehen, müsse Hausarbeit also nicht nur gesehen werden, die Bielefelderinnen gehen sogar soweit, Hausarbeit als zentrale Analysekategorie zu begreifen.

Käthe Knittler geht in Feministische Kritik an der Marxschen Wertlehre auf den Verdienst der Bielefelderinnen ein und statuiert ebenfalls, dass Kapitalismuskritik ohne die Debatte zur Hausarbeit nicht möglich sei. Es kommt jedoch weder in den Texten der Bielefelderinnen noch bei Knittler zu einer Analyse der Entstehung des Kapitalismus oder des Patriarchats. So spricht Knittler zwar nicht von der Hausarbeit als Primat des Kapitalismus, doch sei unbezahlte Arbeit Existenzbedingung des Kapitalismus, der nicht allein von Lohnarbeit leben könne. Dieser Zustand scheint überhistorisch zu funktionieren, jedoch wird nicht aufgezeigt, wie er entstand. Es wird hier der Status quo, dass Kapitalismus eine Geschlechterhierarchie braucht und Reproduktion den Frauen zugeteilt ist, festgeschrieben.

Marx geht in seiner Analyse der Produktionsverhältnisse zwar nicht darauf ein, dass Menschen im Kapitalismus nicht nur durch das Klassenverhältnis ausgebeutet werden, sondern unter anderem auch durch das Geschlechterverhältnis. Dass sich dieses jedoch schon vor der Entstehung des Kapitalismus ausgeformt hat und in ihm nur eine spezifische Form annimmt, verdient eine angemessene Analyse. Etwas, das die österreichisch-amerikanische Historikerin Gerda Lerner

sehr umfassend in ihren beiden Werken Die Entstehung des Patriarchats (1986 im Original auf Englisch erschienen) und Die Entstehung des feministischen Bewusstseins: vom Mittelalter bis zur ersten Frauenbewegung gemacht hat. Hausarbeit wird traditionell, aber eben nicht natürlicherweise, von Frauen geleistet, im Kapitalismus spielt sie als unbezahlte Arbeit eine Rolle für die Aufrechterhaltung von Arbeitskraft. Lerner teilt unsere Position, dass Kapitalismus und Patriarchat sich wechselseitig beeinflussen, jedoch nicht zwingend der gleichen Logik unterliegen oder sich ausschließlich zusammen denken lassen. Jede Form von Gesellschaft zum Zweck der Kooperation und des miteinander Lebens ist arbeitsteilig organisiert, was wiederum nicht heißt, dass dies ausschließlich ökonomisch begründet ist. Die Aufteilung sollte natürlich bestenfalls nach Interessen und Fähigkeiten erfolgen und nicht vorrangig nach ökonomischen Kriterien oder gesellschaftlichen Konventionen. Hausarbeit wird in jeder Form von Gesellschaft notwendig bleiben. Dass sie im Kapitalismus oft ein geschlechtsspezifisches Ausbeutungsverhältnis darstellt, von dem der Kapitalismus wesentlich profitiert, ändert sich nicht allein dadurch, Hausarbeit als eine Form von Arbeit anzuerkennen. Vielmehr geht das an einer emanzipatorischen Kritik der Verhältnisse sogar vorbei, da sie nicht auf die Abscha􏰀ung patriarchaler Strukturen zielt.

Wie sehr auch in linksradikalen Debatten tradierte Vorstellungen von Geschlechterrollen festgeschrieben werden, offenbart ein weiterer Blick in den Sammelband Materializing Feminism. Lisa Yashodhara Haller unterstellt Frauen, die sich dem Diktum des Haushalts und Kinderkriegens entziehen, einem männlichen Phantasma von Autonomie hinterher zu eifern und sieht darin eine Unterwerfung unter die kapitalistische Logik. Gleichstellung gehe immer auch mit einer Abwertung von Fürsorgetätigkeiten einher. Haller plädiert daher in Anlehnung an Mary Wollstonecraft für eine Anerkennung der „besonderen weiblichen Lebensweise“. Fürsorge als weiblich zu bezeichnen, ist essentialistisch und zynisch. Diese Sichtweise verfestigt Geschlechterhierarchie, indem Tätigkeiten Geschlechtern zugewiesen und, basierend darauf, bewertet werden. Selbst wenn es zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufwertung von als weiblich konnotierten Handlungen kommen sollte, würde das ja nicht zu einer Auflösung von Geschlechtshierarchien führen. Die binär gedachte Vergeschlechtlichung von Tätigkeiten bliebe bestehen, auch die historisch gewachsenen patriarchalen Zuschreibungen blieben unverändert. Außerdem verkennt die Vorstellung von der vermeintlich weiblichen Fürsorgearbeit, die außerhalb der kapitalistischen Logik verortet wird und auf die manche Autor:innen gar ein revolutionäres Moment projizieren, die Systematik und Totalität der kapitalistischen Gesellschaft. Auch Frauen, die nicht lohnarbeiten und sich stattdessen um den Haushalt, die Betreuung von Kindern oder Pflege von Angehörigen kümmern, stehen nicht außerhalb der kapitalistischen Logik.

Wer das Geschlechterverhältnis nur im Kapitalismus verortet, macht es zum Nebenwiderspruch. Denn damit kann die Geschlechterhierarchie, das strukturelle Patriarchat, nur mit der Abschaffung des Kapitalismus überwunden werden. Aber die Geschlechterverhältnisse werden durch vielfältige Faktoren konstituiert und beeinflusst. Dazu gehört natürlich auch der Kapitalismus, denn er gibt der Ausbeutung von Frauen einen spezifischen Charakter. Allerdings ist er eben nicht ausschließlich für das herrschende Geschlechterverhältnis verantwortlich.

Das Argument, im Kapitalismus brauche es die unbezahlte Haushaltsarbeit „für den Arbeiter“ und den Erhalt der Ware Arbeitskraft in Form von Kindern erklärt nicht das Ausmaß des gesellschaftlichen Sexismus. Damit lassen sich Gewalt gegen Frauen und Femizide nicht

erklären. Für das hierarchische Geschlechterverhältnis spielen auch soziale, kulturelle, politische sowie individuelle und nicht zuletzt historische Faktoren eine Rolle.

Henne und Ei

Die Frage, was zuerst da war der Kapitalismus oder das Patriarchat lässt sich historisch eigentlich einfach beantworten. Lange vor der Herausbildung kapitalistischer Verhältnisse gab es bereits Frauenunterdrückung und Männerherrschaft, ein Blick auf die christliche – und jede andere monotheistische – Religionsgeschichte kann hier schon genügen.

Das Patriarchat, als Herrschaft des Mannes über Frau und Kinder, existierte eben schon weit vor der Zeit der bürgerlichen Kleinfamilie. Wann und wie es sich ausgeprägt hat, das hat insbesondere die bereits erwähnte Historikerin Gerda Lerner aufgezeigt. In Die Entstehung des Patriarchats sieht sie die Wurzeln des Patriarchats im Aufstieg der Landwirtschaft und damit der Sesshaftwerdung, was die Entwicklung des Privateigentums und die Kontrolle der Fortpflanzung – also der Körper von Frauen – zur Sicherung von Erbschaften zur Folge hatte. „Die Periode der ›Durchsetzung des Patriarchats‹ war nicht ein Ereignis, sondern ein Prozess. Der sich […] ungefähr von 3100 bis 600 v. Chr. vollzogen hat.“

In Lerners Darstellung erlangten Männer die Kontrolle über Arbeit und Sexualität der Frauen, als die Gesellschaften komplexer und hierarchischer wurden. Dies sei durch die Entwicklung von Religions- und Rechtssystemen befördert worden, die den untergeordneten Status von Frauen festschrieben, indem sie ihre Hauptaufgabe darin sahen, Männern zu dienen. Die historische Abfolge ist also ganz klar: erst kam die Unterdrückung von Frauen, die sich zum Patriarchat entwickelte, später die Klassengesellschaft und der Kapitalismus und seit es beide gibt, bedingen und formen sie sich gegenseitig.

Manchen ist das historische Argument nicht ausreichend, die Herausbildung des heutigen Geschlechterverhältnisses legen sie auf die Entstehung des Kapitalismus (auch wenn damit schnell Jahrtausende von Frauenunterdrückung vor der Industrialisierung ignoriert werden). Ein prominentes Beispiel ist die Wertkritikerin Roswitha Scholz. Sie geht von einem „warenproduzierenden Patriarchat“, einer Gleichursprünglichkeit von Kapitalismus und Patriarchat aus und nimmt damit eine historisch-systematische Perspektive gegen eine nur historische ein. Sie hat vielfach über die Schnittmenge von Geschlecht, Klasse und Kapitalismus geschrieben und die traditionelle marxistische Theorie dafür kritisiert, dass sie die spezifischen Formen der Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen übersehen hat. Insbesondere hat sie das Wertabspaltungstheorem in Bezug auf den Geschlechteraspekt entworfen und betont darin, dass Frauen historisch und aktuell in großem Umfang unbezahlte Sorgearbeit leisten, die nicht als Teil der kapitalistischen Wertschöpfung erfasst wird, aber notwendig für das System ist. Ihr grundlegendes Buch zum Thema ist Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorie und die postmoderne Metamorphose des Patriarchats (2000), bekannt wurde sie unter linken Feminist:innen mit dem Text Der Wert ist der Mann von 1992. Für Scholz spielt es keine oder nur eine sehr untergeordnete Rolle, dass es Frauenunterdrückung schon vor dem Kapitalismus gegeben hat. Das Patriarchat habe sich in der Übergangsperiode von der Urgesellschaft zur Klassengesellschaft herausgebildet. Durch die Entstehung von Klassenverhältnissen und Privateigentum sei es zu einer Verschärfung von Geschlechterhierarchien gekommen, die letztlich auch das ganze Geschlechterverhältnis spezifisch veränderten. So wird dann begründet, warum die Jahrtausende vor dem Klassenbegriff zu vernachlässigen seien. Für Scholz ist die

Verschärfung der Geschlechterhierarchie das wichtige, die Wertvergesellschaftung ist für sie bis ins Fundament in das Geschlechterverhältnis eingeschrieben, das Problem der Wertabspaltung wird sich erst mit dem des Werts erübrigen. In Scholz’ Sichtweise ist also ein Kapitalismus ohne Unterdrückung von Frauen nicht denkbar. Diese Annahme begegnet uns in ihrem Kern in ganz unterschiedlichen theoretischen Zusammenhängen immer wieder.

Das Patriarchat – oder wahlweise auch das Geschlechterverhältnis – wird im Kapitalismus verortet, zum Beispiel bei der bereits erwähnten Mariarosa Dalla Costa im Kontext des italienischen Operaismus der 1970er Jahre, wenn sie schreibt „Die Unterdrückung der Frau beginnt keineswegs mit dem Kapitalismus. Was mit dem Kapitalismus begann, war die noch intensivere Ausbeutung der Frauen als Frauen – und die Möglichkeit ihrer Befreiung“. Für Dalla Costa war die Befreiung der Frau nur durch die Abschaffung des Kapitalismus zu erreichen. Dabei ging sie so weit, dass sie die Frau als Hausfrau festschreiben wollte, damit sie ihr revolutionäres Potenzial nicht einbüßte. Auch die Bielefelderinnen gingen davon aus, dass das Geschlechterverhältnis kein Relikt aus der Feudalzeit sei, sondern sich im Kapitalismus spezifisch entwickelt habe. Dass der Kapitalismus an allem Schuld sei und wenn er abgeschafft werden würde, sich auch das Geschlechterverhältnis verbessere, das schreiben so oder so ähnlich auch Cinzia Arruzza, Tithi Bhattacharya und Nancy Fraser in ihrem Manifest Feminismus für die 99 %, Heinz- Jürgen Voss und mehrere Autor:innen des Sammelbands Materializing Feminism und viele andere. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich zwar zu dem historischen Bedingungsgefüge nicht unmittelbar äußern, wohl aber zur Befreiungsperspektive. Dass während der zweiten Frauenbewegung die Unterstützung der Genossen eher durch die Verwendung marxistischen Vokabulars als durch die Kritik alltäglicher Verhaltensweisen zu gewinnen war, ist vielleicht noch nachvollziehbar. Heute muss nicht mehr der Umweg über das Grundübel Kapitalismus genommen werden, um zu erklären, warum die Geschlechterhierarchie überwunden gehört.

Ein historischer Blick allein, heißt allerdings nicht automatisch, dass der Beginn des patriarchalen Geschlechterverhältnis vor dem Kapitalismus verortet wird. So kehrt Silvia Federici in Caliban und die Hexe (2004/2012) das Bedingungsgefüge mehr oder weniger um. Sie schreibt ausführlich über die Ursprünge und die Entwicklung des Patriarchats und ist der Auffassung, dass dessen Entstehung eng mit dem Aufstieg des Kapitalismus vom 15. bis 17. Jahrhundert sowie der damit einhergehenden Transformation sozialer Beziehungen verbunden gewesen ist: „Es steht jedenfalls außer Zweifel, dass Frauen im Zuge des ,Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus‘ einen einzigartigen Prozess sozialer Degradierung erlitten, der für die Akkumulation des Kapitals von grundlegender Bedeutung war und dies bis heute geblieben ist.“ Die Jahrtausende davor, in denen es bereits hierarchische Geschlechterverhältnisse gab, werden auch von ihr weitgehend ignoriert. Federicis Interpretation besagt vielmehr, dass Frauen vor dem Aufstieg des Kapitalismus eine viel zentralere Rolle im sozialen und wirtschaftlichen Leben spielten, als gemeinhin angenommen wird. Sie seien aktive Teilnehmerinnen an der Landwirtschaft, im Handwerk und an anderen Formen der Subsistenzarbeit gewesen und hätten oft soziale und politische Macht gehabt. Der Kapitalismus habe eine neue Arbeitsteilung auf der Grundlage des Geschlechts geschaffen, in der Frauen in die Sphäre unbezahlter reproduktiver Arbeit verbannt worden seien, die wiederum für das Funktionieren des Kapitalismus wesentlich sei.

Insgesamt nimmt Federici – im Gegensatz zu Lerner – also an, dass die Entstehung des Patriarchats eng mit dem Aufstieg des Kapitalismus verbunden gewesen sei, der die sozialen Beziehungen verändert und neue Formen der Ausbeutung und Unterdrückung geschaffen habe. Federici behauptet tatsächlich, dass Frauen vor dem Kapitalismus ihr Leben freier gestalten konnten. Und es Frauen in Bezug auf das Geschlechterverhältnis sogar besser gegangen sei, wenn sie schreibt, dass „dieser Krieg gegen die Frauen [gemeint ist die hier die Hexenverfolgung], der sich über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahrhunderten hinzog, ein Wendepunkt der europäischen Frauengeschichte war. Er war gewissermaßen der ‚Sündenfall‘ im Prozess gesellschaftlicher Abwertung, den die Frauen beim Aufstieg des Kapitalismus durchliefen.“

Alles in allem bezweifeln wenige innerhalb der feministischen Theorie, die sich zu der Zeit vor dem Kapitalismus äußern, dass schon vorherein ein hierarchisches Geschlechterverhältnis existierte. Es gibt allerdings eine ganze Bandbreite an Positionen, in denen der Kapitalismus letztlich mindestens „mit“ an den „Anfang“ des Geschlechterverhältnisses, wie wir es heute kennen, gesetzt wird. Aber aus unserer Sicht ist es nicht notwendig, patriarchale Strukturen jenseits des Kapitalismus kleinzureden, um den Kapitalismus als unterdrückendes System wahrzunehmen. In dieser Hinsicht finden wir in Frigga Haug eine Unterstützerin. Denn Sie möchte der doppelten Zurichtung Rechnung tragen und nimmt an, dass der Kapitalismus, den sie als „Zivilisationsmodell“ versteht, zwar mit dem Geschlechterverhältnis verbunden ist, aber eine eigene Logik hat, dass das eine also letztlich auch ohne das andere denkbar ist. Sie kommt aus der Arbeiterbewegung (damals noch im generischen Maskulinum), hatte sich mit der Frauenfrage lange nur als Nebenwiderspruch beschäftigt und den Feminismus sogar insgesamt kritisiert, weil er vom Klassenwiderspruch ablenke. Zunehmend sah sie allerdings die Notwendigkeit, Marxismus und Feminismus zusammenzudenken. In letzter Zeit hat sie in diesem Sinne die „Vier- in-einem“- Perspektive entwickelt. Sie schlägt vor, dass der Tagesablauf aller Menschen durch vier Bereiche gleichwertig strukturiert werden soll: 1. Erwerbsarbeit, 2. Reproduktion, 3. Eigene Entwicklung und 4. Politik. Alles soll am Tag je vier Stunden einnehmen, gefolgt von acht Stunden Schlaf. Bemerkenswert an diesem Vorschlag ist, dass sie damit die Geschlechterfrage gar nicht mehr stellt und die geschlechtliche Zuordnung der Sphären keine Rolle mehr spielt. Jeder Mensch soll seine Zeit nach diesem Muster aufteilen. Auch wenn sie das biologische Geschlecht nicht offen in Frage stellt, löst sie es hier auf.

Schon lange vor der Entwicklung der Vier-in-einem-Perspektive ging sie davon aus, dass „Frauenunterdrückung […] älter als der Kapitalismus“ sei und betont die unterschiedliche Logik beider: „Der Zusammenhang zwischen Frauenunterdrückung und Kapitalreproduktion, den es zu begreifen gilt, kann nicht aus den Gesetzen des Kapitalismus begriffen werden.“ Ihr Verständnis des Kapitalismus spezifiziert sie – und das ist auffällig – durch „die vorgängige Geschlechterhierarchie“ als „männlichen Kapitalismus“ (ebd.). Während Scholz ein „warenproduzierendes Patriarchat“ annimmt, beruft sich Haug auf den „männlichen Kapitalismus“. So ähnlich die Reaktionen die Ein- und Zuordnungen im Bereich des Geschlechterverhältnisses auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, so unterschiedlich ist damit doch das Resultat.

Unser Resümee nach der Lektüre von vielen materialistischen und speziell marxistischen feministischen Texten: Fast alle sehen den Grund des Patriarchat, zumindest wie es heute vorherrscht, im Kapitalismus, was seine Abscha􏰀ung eben nur in der Überwindung desselben

möglich macht. Eigentlich bliebe innerhalb dieses Denkens kein Raum für feministische Kämpfe mit konkreten Forderungen an das Hier und Jetzt. Dem wollen wir entschieden widersprechen!

Das Richtige im Falschen

Geschlechterverhältnisse sind veränderbar, das zeigt die Geschichte. In den letzten Jahrzehnten haben sich die institutionellen Rahmenbedingungen für Frauen in Deutschland durch gesetzliche Veränderungen erheblich verbessert. Frauen können ihr eigenes Geld verwalten, müssen nicht heiraten und können ohne Angst kinderlos bleiben. Auch ohne Zustimmung ihres Ehepartners lohnarbeiten zu gehen ist ihnen erlaubt, die Vergewaltigung in der Ehe ist strafbar (erschreckenderweise allerdings erst seit 1997) und auf dem Arbeitsmarkt findet ein Antidiskriminierungsgesetz Anwendung. Außerdem gibt es heutzutage Familien und Partnerschaften, in denen Frauen die Hauptverdienerinnen sind, und Anreize werden geschaffen, damit Männer in Elternzeit gehen. Es hat sich also einiges getan, aber von einer defacto Gleichstellung sind wir dann doch noch weit entfernt. Dass es überhaupt solche Gesetze geben muss, zeigt ja schon, dass nicht alles gut ist: solange Antidiskriminierungsregulationen notwendig sind, solange es Vergewaltigungen in der Ehe oder sonst wo gibt, solange es Femizide und Gewalt gegen Frauen, weil sie Frauen sind, gibt, kann davon wirklich keine Rede sein. Und auch im Alltäglichen werden Frauen trotz gesellschaftlicher und gesetzlicher Transformationen weiterhin benachteiligt. In unserem Text Das strukturelle Patriarchat, der 2012 erschienen ist, machen wir auf diese Geschlechterhierarchie aufmerksam, die mehr ist als ein personales Verhältnis. Da es unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen in Deutschland keine rechtlich festgeschriebene, direkte Herrschaft von Männern über Frauen mehr gibt, verwenden wir den Begri􏰀 des strukturellen Patriarchats. Er beschreibt eine Ungleichheit, die nicht mehr unmittelbar auf die Herrschaft des Mannes über die Frau gerichtet ist, sondern die Männliches höher bewertet als das, was Frauen zugeschrieben wird, und diesen wiederum weniger Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen ermöglicht. Es handelt sich um eine vermittelte Ungleichheit, die sich verfestigt hat und auf das Denken und Handeln der Einzelnen zurückwirkt. Es bleibt richtig, den patriarchalen Status Quo zu benennen und zu bekämpfen. Und der ist recht eindeutig mit den kapitalistischen Bedingungen verflochten. So zeigt sich die Geschlechterhierarchie nach wie vor insbesondere in der Reproduktionsarbeit. Frauen übernehmen mehr Hausarbeit und kümmern sich mehr um Kinder als Männer, unabhängig davon, ob sie selbst arbeiten gehen oder nicht. Mütter gehen häufiger in Teilzeit und länger in Elternzeit, was sich negativ auf ihre ökonomische Situation, ihre Arbeitsmöglichkeiten und Rentenansprüche auswirkt. Die Verbesserungen der jüngeren Vergangenheit zeigen aber, dass es eben auch anders werden kann, dass die Verflechtung ganz und gar nicht fix ist, sondern einem Wandel unterliegt. Manchmal führen feministische Interventionen zu ganz konkreten und sogar beständigen Veränderungen (auch wenn das schon mal hundert Jahre dauert).

Auffällig ist, dass sich viele Feminist:innen in ihren kapitalismuskritischen Analysen, statt diesen Wandel im Geschlechterverhältnis ernst zu nehmen, weiterhin an der bürgerlichen Kleinfamilie orientieren und veränderte Rollenbilder fast schon als eine Abweichung von letztlich fortbestehender Norm interpretieren. Wenn es um Lohn für Hausarbeit als feministische Forderung geht, wird schnell ein innerer, notwendiger Zusammenhang von Hausarbeit und Frauen angenommen, der darin wieder auftaucht, dass vermeintlich weibliche Fähigkeiten oder Sphären adressiert werden, die es aufzuwerten gelte. Mitunter gehen Feminist:innen so weit legitimen, feministischen Forderungen vorzuwerfen, sie würden dem Bestehenden dienen. Beispielsweise

wird in dem Manifest Feminismus für die 99% angenommen, dass das Recht auf Abtreibung wenig für unterdrückte und marginalisierte Frauen leiste, und stattdessen gefordert, dass der Feminismus für die 99 Prozent die „Anliegen aller Sorten von Arbeiterklasse-Frauen in den Mittelpunkt“ rücke. Dabei zeichnen die Autorinnen das Feindbild eines neoliberalen, sogenannten weißen Feminismus und sehen dabei nicht, dass insbesondere das Recht auf Abtreibung nicht nur ein Thema für ökonomisch gut situierte Frauen ist, sondern letztendlich alle Frauen und auch Männer betrifft. Während sie sich gegen Frauen in Führungspositionen richten und pauschale Verurteilungen aussprechen, reflektieren sie ihre eigenen Positionen als erfolgreiche Professorinnen und Autorinnen nicht. Es wird an veralteten Bildern einer tradierten Haushaltsstruktur festgehalten und andere, erfolgreiche, Lebensentwürfe von Frauen ausgeklammert, um eine Gesellschaft zeichnen zu können, in der Frauen generell in der Opferrolle sind.

Weitere kapitalismuskritische, feministische Texte diffamieren ebenfalls jeden Feminismus, der nicht andere Unterdrückungen wie Race und Class gleich zentral behandelt wie Gender, als liberalen oder neoliberalen Feminismus. Es wird von feministischer Theorie erwartet, dass sie zur Revolutionstheorie für alle und alles wird. Gleichzeitig kursiert aber die Vorstellung, die Unzufriedenheit der Frauen sei das wichtigste Veränderungspotenzial – quasi das „neue“ revolutionäre Subjekt, nachdem es mit der Arbeiterklasse nicht so ganz geklappt hat. Hier wiederholt sich eine feministische Geschichte, die bereits in den 1970er Jahren erzählt wurde.

Was aber ist mit einem ganz anderen Blick: Wäre die Abschaffung der Geschlechterhierarchie nicht auch innerhalb des Bestehenden umsetzbar? Werden Forderungen, die sich darauf richten, falsch, nur weil sie nicht zur Revolution führen? Wir sehen jedenfalls die Erfüllung feministischer Forderungen auch dann als einen Fortschritt, wenn der Kapitalismus sie integrieren kann. Und vergessen dabei nicht, dass Ideologien der Ungleichheit auch innerhalb des Feminismus virulent sind und dass diese Ideologien wie Rassismus und Antisemitismus mit dem Ende des Patriarchats nicht aufgelöst sind. Genauso wenig, wie mit dem Ende des Kapitalismus automatisch ein egalitäres Geschlechterverhältnis entsteht. Gesellschaftliche Widersprüche haben kein Ranking, sie heben einander nicht auf. Was eben auch bedeutet, dass sie zwar miteinander verknüpft sind, aber auch individuell angegangen werden müssen.

Wir finden es legitim, wenn sich Feminismus im Kern um die Abschaffung der Geschlechterhierarchie kümmert. Das klingt schon beinahe banal, denn worum sollte er sich schon vom Namen her sonst kümmern, wenn nicht um Frauen? Angesichts aktueller queer- feministischer Wortmeldungen bleibt es wichtig darauf hinzuweisen: Feminist:innen sind nicht gezwungen, sich um alles und jeden zu kümmern, sie können und sollten die Rolle von Frauen priorisieren.

Au􏰀ällig ist, dass einige der Positionen, die wir in diesem Text thematisiert haben, unterschiedliches theoretisches Rüstzeug mitbringen, das sie – nicht immer, aber immer wieder – in eine Art Anerkennungslogik im eigenen Feld verfallen lässt. Das Geschlechterverhältnis wird etwa in der Sprache der Kapitalkritik gefasst oder der Kapitalismus in jene der Geschlechtsidentitäten, je nach politischer Verortung. So wenden sich bspw. Kathrin Ganz und Do Gerbig 2010 (in Rückgriff auf J.K. Gibson-Graham) gegen einen „‚kapitalozentrischen‘ Diskurs“, dem sie „einen Diskurs der ökonomischen Vielfalt“ entgegensetzen wollen, und sie fragen rhetorisch: „Ökonomie kommt uns immer so unangenehm kapitalistisch vor, aber ist sie das in jedem Fall? Oder ist sie genauso divers wie Geschlecht und Sexualität es sein können?“ In der

ökonomischen Einbettung der Debatte um Care-Arbeit kommt es wiederum zu ausufernden Bestimmungen, was alles als Arbeit zu verstehen sei.

Das führt beispielsweise, wie erwähnt, in der ökonomischen Einbettung der Debatte um Care- Arbeit zu den ausufernden Bestimmungen, was alles als Arbeit zu verstehen sei. Manchmal stellt sich dabei fast der Eindruck ein, dass es nicht nur, aber auch um die gesellschaftliche Anerkennung eigener Bedürfnisse geht, etwa sich um Kinder sorgen zu wollen. Wer sich um Kinder kümmern möchte, sollte das tun können. Aber es sollte zumindest im Bereich des Vorstellbaren liegen, dass Frauen trotz patriarchaler und kapitalistischer Sozialisierung unterschiedliche Bedürfnisse haben, sie haben ganz verschiedene Visionen von einem guten Leben. Für die eine kann es völlig in Ordnung sein, in Elternzeit zu gehen, ohne dass gleich die passende Theorie dazu aufgeboten werden müsste, und für die andere sind Kinder vielleicht gar keine Option. Nicht alle haben die selben Wahlmöglichkeiten sich für oder gegen einen Lebensentwurf entscheiden zu können, unabhängig zum Beispiel von ökonomischen oder religiösen Einschränkungen, und für sich und die eigenen Entscheidungen Verantwortung zu übernehmen, ist das, worauf es im Hier und Jetzt feministischer Praxis eben auch ankommt (oder: ankommen sollte). Mehr Wahlmöglichkeiten zu haben, wie zum Beispiel zu heiraten oder nicht, Kinder oder keine, als früher, ist konkreter Ausdruck von Fortschritt im Bereich der Geschlechterhierarchie, auch wenn so manche gesellschaftskritische Feministin darin das Feindbild Neoliberalismus wittern mag. Selbstentwürfe von Frauen und auch von Männern, haben sich stark erweitert, sie sind nicht mehr so festgelegt, wie sie einst waren, und das finden wir uneingeschränkt gut. Unabhängig davon, dass der Kapitalismus dadurch nicht zusammengebrochen ist.

Zwar halten sich patriarchal gewachsene Strukturen trotz aller Veränderungen zäh, aber – und das ist hier der springende Punkt – sie sind für den Kapitalismus nicht notwendig. Ob der moderne Mann von seinem Lohn eine Partnerin zuhause finanziert, die kocht, oder sich durch Restaurantbesuche am Leben hält, ist dem Kapitalismus egal. Ob die moderne Frau lohnarbeiten geht und ihr Ehemann seinen reproduktiven Pflichten nachkommt, ist dem Kapitalismus ebenso egal. Wichtig ist ihm nur, dass genügend Arbeitskraft zur Verfügung steht. Und wir finden, das sollte in feministische Analysen einbezogen werden.

Uns ist kein Text bekannt, der darauf eingeht, warum denn im Kapitalismus genau diese eine spezifische geschlechtliche Verwertung notwendig sei, warum es für den Kapitalismus nicht genauso gut wäre, wenn die Rollen diametral anders aufgeteilt wären. Es bedarf innerhalb der Linken scheinbar keiner weiteren Erklärung, wenn einfach behauptet wird, so sei es eben im Kapitalismus. Und wer dann doch darauf hinweist, dass dem Kapitalismus das Geschlecht der Ausgebeuteten reichlich einerlei sei, kann mit harscher Kritik rechnen und damit, missverstanden zu werden. Dies zeigen Reaktion auf einen Text, auf den wir relativ zum Ende unserer Auseinandersetzung gestoßen sind, es handelt sich um Abseits des Spülbeckens von den Freundinnen und Freunden der klassenlosen Gesellschaft, 2016 im Kosmoprolet erschienen. Darin wird die These vertreten, dass „bisher nicht plausibel argumentiert werden“ konnte, dass es „einen notwendigen Zusammenhang zwischen Kapital- und Geschlechterverhältnis gibt“. Um dies zu belegen, werden Texte von Dalla Costa, über Federici bis hin zu Scholz kritisch diskutiert, die auch wir hier zum Ausgangspunkt genommen haben. Die Freundinnen und Freunde gehen insgesamt davon aus, dass die Geschlechterhierarchie dem Kapitalismus nicht inhärent sei, und, dass Geschlecht zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt sukzessive an Bedeutung verliere. Insbesondere auf diese Nivellierungsthese folgte direkt Kritik (auf Veranstaltungen und in Textform geäußert und im Kosmoprolet dokumentiert), in der ausgeführt wurde, dass die Zustände immer noch schlimm seien.

Die vehementen Gegenstimmen, die partout keine positive Entwicklung innerhalb des Kapitalismus sehen wollen, zeigen recht deutlich, dass und wie an der eigentlichen Argumentation vorbeigeredet wurde. Wer zugesteht, dass es mit der Geschlechterhierarchie im Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten besser geworden ist, sagt damit nicht, dass alles gut sei. Wer hingegen so tut, als seien die Veränderungen der letzten Dekaden nicht relevant, verkennt die Bedeutung von erweiterten Handlungsspielräumen. Immerhin sind sie ein nicht zu unterschätzender Freiheitsgewinn, der die Lebensrealität der Einzelnen geradezu umkrempeln kann. Uns ging es in den vorhergehenden Ausführungen zwar vor allem um ein theoretisches Bedingungsgefüge, das trotz gewisser argumentativer Umwege allzu oft letztlich einseitig aufgelöst wurde und wird. Aber Theorie und Praxis gehören bekanntlich zusammen und vielleicht macht es Sinn das Geschlechterverhältnis einfach mal systemimmanent zu kritisieren.

Gerade weil wir heute in einer relativen Freiheit in Bezug auf die Unterdrückung von Frauen leben, die zum Beispiel zu Zeiten von Marx undenkbar war, wissen wir doch, dass sich dieser Kampf lohnt. Wenn Feminist:innen immer wieder betonen, die Frauenfrage sei nur durch die Klassenfrage zu beantworten, dann vergeben sie die Chance, etwas im Hier und Jetzt der sexistischen Realität zu verändern (oder es zumindest zu versuchen). Die Einsicht, dass der Kapitalismus, obwohl er ein grammatikalisches Geschlecht hat, kein soziales / patriarchales braucht, ist Ergebnis einer theoretischen Diskussion; sie kann jedoch ganz praktische Auswirkungen haben. Gerade weil unsere Position das Geschlechterverhältnis nicht kausal im Kapitalismus verortet und wir sein soziales Geschlecht für veränderbar halten, macht sie ein Ende des strukturellen Patriarchats unabhängig vom Ende des Kapitalismus denkbar und damit erkämpfbar.

afbl
(antifaschistischer frauenblock leipzig)

In diesem Literaturverzeichnis dokumentieren wir die Werke, die wir gelesen und diskutiert haben. Auch wenn nicht alle Titel in unseren Texten zitiert werden, sind sie für diejenigen interessant, die sich eingehender mit dem Themenkomplex beschäftigen möchten.

  • afbl. „Das strukturelle Patriarchat“. Maulwurfsarbeit II, 2012, https://www.rosalux.de/publikation/id/6151/maulwurfsarbeit-ii.
  • afbl. „Das Unbehagen mit dem Sternchen: Feministische Sprachkritik ist mehr als eine Frage der Zeichen“. Feministisch Streiten: Texte zu Vernunft und Leidenschaft unter Frauen, Querverlag, Koschka Linkerhand, 2018, S. 203.
  • afbl. „Unterm Klebeband: Ein Plädoyer für einen Feminismus in der antideutschen Gesellschaftskritik.“ Jungle World, Nr. 2008/49, Dezember 2008, https://jungle.world/artikel/2008/49/unterm-klebeband.
  • Arruzza, Cinzia, u.a. Feminismus für die 99%: ein Manifest. Übersetzt von Max Henninger, Zweite Auflage, Matthes & Seitz Berlin, 2020.
  • Beier, Friederike, u.a. „Plädoyer für einen materialistischen Feminismus“. Materializing Feminism: Positionierung zu Ökonomie, Staat und Identität,1. Aufl., 2018, S. 7–19.
  • Dalla Costa, Mariarosa, und Selma James. Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft. Merve, 1973.
  • Endnotes. The Logic of Gender On the separation of spheres and the process of abjection. 2022, https://endnotes.org.uk/translations/endnotes-the-logic-of-gender.
  • Federici, Silvia. Caliban und die Hexe: Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Herausgegeben von Martin Birkner, Übersetzt von Max Henninger, 10. Auflage, Mandelbaum, 2022.
  • Fedirici, Silvia. „Die Angst vor der Macht der Frauen Der Terror der christlichen Hexenjagden und die Entstehung des Kapitalismus“. ak Analyse und Kritik, Bd. 666, 2020. https://www.akweb.de/ausgaben/666/hexenverfolgung-und-die-entstehung-des-kapitalismus- die-angst-vor-der-macht-der-frauen/.
  • Freunde der geschlechtslosen Gesellschaft. „Mitten im Spülbecken: Kapitalismus und Zweigeschlechtlichkeit“. Kosmoprolet, 2016, https://kosmoprolet.org/de/mitten-im- spuelbecken-kapitalismus-und-zweigeschlechtlichkeit.
  • Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft. „Ein genauerer Blick ins Spülbecken“. Kosmoprolet, 2016, https://kosmoprolet.org/de/ ein-genauerer-blick-ins- spuelbecken.
  • Freundinnen und Freunde der Klassenlosen Gesellschaft. „Abseits des Spülbeckens: Fragmentarisches über Geschlechter und Kapital“. Kosmoprolet, 2016.
  • Funk, Mirna. Who Cares! Von der Freiheit, Frau zu sein. dtv, 2022.
  • Gibson-Graham, Julia K. End Of Capitalism (As We Knew It): A Feminist Critique of Political Economy; with a New Introduction. 1st University of Minnesota Press ed, University of Minnesota Press, 2006.
  • Haller, Lisa Yashodhara. „Kapital – Staat – Geschlecht: Eine theoretische Analyse der Vermittlungszusammenhänge“. Materializing Feminism: Positionierung zu Ökonomie, Staat und Identität, 2018, S. 69–94.
  • Haug, Frigga. Der im Gehen erkundete Weg: Marxismus-Feminismus. Deutsche Originalausgabe, Zweite Auflage, Argument, 2018.
  • Haug, Frigga. „Tagträume eines sozialistischen Feminismus“. Differenz und Gleichheit. Menschenrechte haben (k)ein Geschlecht, Ute Gerhard, 1990.
  • Heinrich, Michael. Kritik der politischen Ökonomie: eine Einführung. 11. Aufl, Schmetterling- Verlag, 2013.
  • Hennig, Fabian. „Feministische Kritik am New Materialism“. Materializing Feminism: Positionierung zu Ökonomie, Staat und Identität, 2018, S. 159–79.
  • Hooks, Bell. Die Bedeutung von Klasse: warum die Verhältnisse nicht auf Rassismus und Sexismus zu reduzieren sind. Übersetzt von Jessica Agoku, Unrast, 2020.
  • Knittler, Käthe. Feministische Kritik an der Marxschen Werttheorie. 2005. Wirtschaftsuniversität Wien.
  • Lerner, Gerda. Die Entstehung des feministischen Bewußtseins: vom Mittelalter bis zur ersten Frauenbewegung. Dt. Taschenbuch-Verl, 1998.
  • Lerner, Gerda. Die Entstehung des Patriarchats. manifest., 2022.
  • Lorenz, Renate, und Brigitta Kuster. Sexuell arbeiten: eine queere Perspektive auf Arbeit und prekäres Leben. 1. Auflage, b_books-Verlag, 2007.
  • Marx, Karl. Das Kapital: Kritik der politischen Ökonomie – Band 1: Der Produktionsprozess des Kapitals. Dietz Verlag Berlin, 2024.
  • Power, Nina. „Der verführte Feminismus“. Blätter für deutsche und internationale Politik, Bd.März 2018, https://www.blaetter.de/ausgabe/2018/maerz/der-verfuehrte-feminismus.
  • Sauter, und Engel. „Vergeschlechtlichung des Kapitalismus“. Phase 2 Zeitschrift gegen die Realität, Nr. 38 Kein schöner Land, 2010, https://www.phase- zwei.org/hefte/artikel/vergeschlechtlichung-des-kapitalismus-212.
  • Scholz, Roswitha. Das Geschlecht des Kapitalismus: feministische Theorien und die postmoderne Metamorphose des Patriarchats. Horlemann, 2000.
  • Scholz, Roswitha. „Der Wert ist der Mann“. Exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft, 2017 1992, https://www.exit- online.org/textanz1.php?tabelle=schwerpunkte&index=3&posnr=20&backtext1=text1.php.
  • Scholz, Roswitha. Maria breit den Mantel aus – Produktion und Reproduktion in der Krise des Kapitalismus. 2012, https://www.exit-online.org/druck.php?-tabelle=autoren&posnr=461.
  • Voß, Heinz-Jürgen, und Salih Alexander Wolter. Queer und (Anti-)Kapitalismus. 3., Durchgesehene Auflage, Schmetterling Verlag, 2019.

Antifaschistischer Taschenkalender 2025

Interview

2024 | 2025

Frage: Was bedeutet für euch F*Antifa und wen oder was adressiert ihr mit eurer Kritik?
Fantifa Gruppen waren in den 1980er und 90er Jahren vor allem in Westdeutschland verbreitet. Danach gab es wenige Versuche der Kontaktaufnahme oder Zusammenarbeit mit ostdeutschen feministischen Antifas. Es ist also keine Tradition, in der wir uns sehen (können). Wie schön es ist ohne Männer organisert zu sein merken wir aber auf fast jedem gemischtgeschlechtlichen Bündnistreffen. Es fällt nicht nur viel Angeberei und Wiederholung weg (-hatte seine Vorrednerin das eben nicht genauso gesagt?-), sondern führt dazu die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten im Theoretischen und Praktischen weiterentwickeln zu können. Wir könnens empfehlen.
Da wir uns selbst nie unter dem F*Antifa Begriff gefasst haben, bedeutet er für uns als Gruppe recht wenig. Wie wir schon auf unserer Homepage schreiben, sind wir antideutsch und feministisch, israelsolidarisch und linksradikal, eine Antifa-Gruppe, die es seit über 25 Jahren gibt, und mehr l, b, t und q, als unser Name vermuten lässt.
Uns sind Argumente allerdings wichtiger als Label und Identitäten. Also lest unsere Texte, wenn ihr wirklich wissen wollt, wofür wir stehen. Wir diskutieren zum Beispiel über Kapitalismus und Geschlecht, materialistische Sprachkritik, gegen das postnazistische Deutschland und über die sexistische und antisemitische Linke. Auf dem Papier und auf der Straße.

Frage: Ist die kleinbürgerliche Familie noch immer die Keimzelle des Faschismus?
Eure Frage suggeriert, Familie war zumindest mal die Keimzelle des Faschismus. Ganz abgesehen von der Frage, auf welche Zeit und auf welchen Faschismus ihr euch bezieht, stellen wir diese These insgesamt in Frage. Mit dem Wissen, dass Max Horkheimer 1936 diesen Ausdruck geprägt hat, aber Ende der 1940er quasi selbst widerrufen hat und dann Familie als „Gegeninstanz gegen den Rückfall in die Barbarei“ bezeichnete. Keine Frage, Familie kann systemstabilisierend sein, egal auf welches System man sich gerade bezieht. Das ist eine Binsenweisheit, aber kein Argument für eure These.
Ohne den Antisemitismus, der nicht nur Jüdinnen und Juden aus der Volksgemeinschaft ausschließt, sondern die komplette Auslöschung aller jüdischen Menschen zum Ziel hat, ist Nationalsozialismus nicht vorstellbar. Ebenso wenig ohne den spezifischen Nationalismus oder die Idee einer weißen Herrenrasse, deren natürliches Recht es ist, über alle anderen zu herrschen. Diese Ideologien sind weder innerhalb der klein- noch der großbürgerlichen Familie geboren worden, auch wenn sie dort weitergegeben wurden und werden.

Wir versuchen so wenig wie möglich in Floskeln zu argumentieren, unserer Ansicht nach, können Gründe und Ursachen für Entstehung und Fortleben von faschistischen Ideen nicht auf einen Satz heruntergebrochen werden. Die Schuld kann sicherlich nicht auf die Existenz von bürgerlichen, heterosexuellen Familien geschoben werden. Genauso wenig wie das Kapital immer hinter dem Faschismus steht. Das Kapital steht zum Beispiel in Deutschland sehr gerne hinter den Labeln Diversität und Weltoffenheit. Selbstverständlich heißt das nicht, dass dies nicht auch mit Rassismus oder Antisemitismus einhergehen kann. Wenn wir eure These, die Familien sei die Keimzelle des Faschismus, ablehnen, heißt es auch nicht, dass sie es nicht sein kann. Wir leben in Sachsen. Wir sehen hier die Nazieltern, die ihre Teenies mit auf Nazidemos nehmen, wir erleben Kinder von Leuten, gegen die Antifas in den 1990ern gekämpft haben, die jetzt gegen Pride-Fahnen oder jede Art von zivilisatorischem Fortschritt ausrasten. Wir suchen die Schuld nicht in der generellen Existenz von Familien. Eine Idee, die ohnehin zu häufig dabei landet, Müttern die Schuld am Verfall von Gesellschaft zuzuschieben (zu wenig / zu viel Kümmern ums Kind, nicht genug häusliche Stabilität, zu viel Individualisierung etc pp).

Frage: In Berlin und Leipzig gab es 2024 zum 8. März Demonstrationen mit einem feministisch- universalistischem Anspruch. Wieso sollten wir Feminismus universalistisch denken?

Dass wir als Teil eines Zusammenschlusses linker Leipziger Gruppen zum emanzipatorischen 8. März eingeladen haben, hatte vor allem damit zu tun, dass wir nach dem 7. Oktober 2023 nicht unbeantwortet lassen wollten, dass sich autoritäre rote Gruppen als Teil des 8. März Bündnisses an der inhaltlichen und organisatorischen Gestaltung des Tages beteiligen konnten. Gruppen wie Zora oder Handala nutzten den 8. März, um wiederholt den Terror der Hamas zu verharmlosen und antisemitische Narrative zu verbreiten.

Für uns steht das im Widerspruch zu unserem Anspruch an den Feminismus als emanzipatorische politische Praxis und dem universellen Anspruch der Befreiung für Alle aus den Verhältnissen der Zurichtung. Wir meinen nicht einen bürgerlichen Universalismus, der immer nur partikular sein kann und sich zum Beispiel in der Form des Kapitalismus und des Patriarchats als Machtverhältnis festgeschreibt. Unsere feministische Gesellschaftskritik setzt an diesen bestehenden Verhältnissen an, die niemals Freiheit für alle, sondern nur für einige bedeuten. Dennoch ist im bürgerlichen Universalismus angelegt, was wir uns für eine Gesellschaft von Gleichen unter Gleichen in Verschiedenheit wünschen, in ihm aber nicht zur Geltung kommt: politische und moralische Prinzipien mit universaler Gültigkeit. Dieses Spannungsverhältnis ist innerhalb der Verhältnisse nicht aufzulösen, was aber nicht bedeutet, die Idee des Universalismus verwerfen zu müssen. Das ist für uns eine Position der Freiheit für alle, ohne z.B. Rücksicht auf Kultur oder Religion zu nehmen. Gerade in der feministischen Kritik der Verhältnisse liegt die Möglichkeit das als Universales verschleierte Partikulare aufzudecken, Ausschlüsse und Machtverhältnisse sichtbar zu machen und daraus solidarische Praxen zu entwickeln, die auf eine emanzipatorische Transformation der Gesellschaft für alle gerichtet sind.

Rote autoritäre Gruppen sind sowohl aufgrund ihrer hierarchischen dogmatischen Organisation, als auch wegen ihres aggressiven Antisemitismus und Befreiungsnationalismus keine Bündnispartner:innen für uns. Sie stehen weder für Emanzipation noch für eine befreite Gesellschaft für alle. Wo es nötig ist werden wir uns daher auch künftig mit anderen gegen die Vereinnahmung emanzipatorischer Kämpfe durch rote K-Gruppen stellen.

Frage: Wer kann bei euch mitmachen?
Wir sind keine offene Gruppe. Jede, die unsere Themen und Inhalte teilt und Interesse an einer verbindlichen Organisiserung hat, kann an uns herantreten. Wir schauen dann gemeinsam, ob es passt.

Frage: Die Antifa ist eine immer noch von männlichem Verhalten dominierte Welt, kann es Antifa ohne Macker[tum] geben?

So gerne man auch die Augen davor verschließen mag: Antifaschistische Bewegungen und Gruppen können nicht außerhalb der Gesellschaft gedacht werden. Das bedeutet, solange es patriarchale Herrschaftsverhältnisse gibt, wird es auch Macker in der Antifa geben. Auch wenn wir uns mit den strukturellen Gegebenheiten erstmal abfinden müssen, können wir in unserer alltäglichen politischen Praxis fordern, dass Mackertum rauszulassen. Wir schaffen es ja auch seit über 25 Jahren antifaschistisch organisiert zu sein gänzlich ohne Mackertum – zumindest ohne das von cis-Männern.
Doch sollten wir nicht, bevor wir uns fragen, ob es Antifa ohne Mackertum geben kann, darüber reden, was genau männliches Verhalten sein soll. Erinnert das hier an den Pranger gestellte „männliche“ Verhalten doch sehr an essentialistisch gedachte Eigenschaften, die cis-Männern zugeschrieben werden. Natürlich wünschen wir uns eine Antifa-Welt ohne Menschen, die zu allem eine Meinung aber wenig Ahnung haben. Aber wir wünschen uns Antifas, die das Wort ergreifen, ihre Meinung laut kundtun und nicht klein bei geben, die bei Demos in der ersten Reihe stehen und sich zutrauen, Redebeiträge zu halten. Auf jeden Fall freuen wir uns, wenn das immer mehr Frauen machen.

Frage: Ist es okay, mit den Macker-Boys auch mal ein Bier trinken zu gehen?
Auf keinen Fall. Sex: ja, Alkohol: nein!

Was ist eigentlich schlimmer? Der FEMEN – Feminismus von vor 10 Jahren oder der Insta- Slide-Feminismus von heute?
Wie wir feministische Aktionsformen bewerten ist eine Sache, Kritik könnten wir an beiden formulieren. Sie gegeneinander auszuspielen fänden wir aber antifeministisch.

Wer ist beim politischen Subjekt Frau (mit)gemeint?

Wenn wir von Frauen sprechen bzw. schreiben dann meinen wir alle, die sich als Frau definieren oder von der Gesellschaft als solche behandelt werden. Für uns ist es wichtig, das Subjekt Frau weiterhin als Analysekategorie zu verwenden, da unsere Gesellschaft bis heute vom strukturellen Patriarchat durchdrungen ist. Das heißt, selbst wenn wir davon ausgehen, dass das Denken in Geschlechtern überwunden werden kann, läuft die Diskriminierungslinie im strukturellen Patriarchat nach der Binarität Männer und Frauen. Obwohl es in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten viele Verbesserungen für Frauen gab, bleibt die Geschlechterhierarchie zum Nachteil von Frauen bestehen. Es bleibt wichtig Benachteiligungen, strukturellen Sexismus und aucGewalt gegen Frauen zu benennen und in ihrer historischen Genese aufzuzeigen.
Frauen, Lesben, inter, trans und agender Personen, wie es oft geschieht, einfach unter dem Akronym FLINTA zu subsumieren, ist oft nicht sinnvoll, da alle Personengruppen unterschiedlich diskriminiert werden. Je nach Kontext oder worüber man spricht, ist es also wichtig, genau zu benennen, ob es sich um Diskriminierung von Frauen oder z.B. von trans Personen handelt.

Seid ihr die Omas gegen Antifemismus?
Schlaue Postionen hängen nicht am Alter, weder der Individuen noch der Gruppe. Ansonsten verstehen wir die Frage nicht.

Für einen emanzipatorischen 8.März

Redebeitrag

08.03.2024

Dass wir in einer Gesellschaft leben, in der patriarchale Hierarchien und ein strikt binäres Geschlechterverhältnis vorherrschen, bezweifelt hier niemand. Jede Statistik, jedes noch so kleine Untersuchungsfeld offenbart eine Geschlechterhierarchie – in der Regel zu Ungunsten von Frauen.

Doch gesellschaftliche Verhältnisse sind veränderbar, so auch das patriarchale. Das zeigt uns die Geschichte. So haben sich Institutionalisierte Rahmenbedingungen in den letzten Jahrzehnten für Frauen in Deutschland erheblich verbessert. Frauen können ihr eigenes Geld verwalten, sie müssen nicht heiraten, können kinderlos bleiben ohne die Angst vor gesellschaftlichen Sanktionen und können nach einer Heirat ihre Lohnarbeit fortführen.

Doch trotz aller Verschiebungen und der Einführung des Antidiskriminierungsgesetz in Deutschland, bleibt das Geschlechterverhältnis hierarchisch.

Wenn es um häusliche Gewalt geht, sind in 4 von 5 Fällen Männer die Täter und Frauen die Opfer. Frauen verdienen in gleichen Positionen auf dem Arbeitsmarkt oft weniger Geld als ihre männlichen Kollegen. Frauen gehen mehr in Teilzeit und Elternzeit und spüren die Auswirkungen dessen auf ihre Karrieremöglichkeiten und Rentenansprüche. Der sexistische Alltag ist von strukturellen und individuellen Bedrohungen und Einschränkungen geprägt. Diese umfassen eine große Bandbreite, wie sexistische Sprüche, ungewollte Berührungen oder sexuelle Erpressungsversuche. Nicht nur die gewaltvolle Tat an sich, sondern allein die Angst vor einer Vergewaltigung begrenzt Frauen in ihren Möglichkeiten.

Geschlechtsspezifische Hierarchie- und Machtkonstellationen wirken sich auch auf Sexualität und Körperempfinden aus, so ist dem geschlechtshierarchischen System ein ungutes Körpergefühl von Frauen immanent, das diese jedoch als persönliches Problem begreifen sollen. Diese Verwundbarkeit wird zu oft benutzt, um sexualisierte Gewalt auszuüben.

Klar ist, dass die sogenannte Szene nicht außerhalb der Gesellschaft steht. Nur aufgrund ihrer emanzipatorischen Ansprüche werden Linke nicht zu besseren Menschen. Immer wieder muss über den Umgang mit übergriffigen Genossen oder Bekannten gesprochen werden. Immer wieder müssen Frauen sich mit dieser Form der Gewalt auseinandersetzen. Und das, obwohl ein antisexistisches Selbstverständnis zum guten Ton linker Projekte, Bands und Personen gehört. Die nie endende Reihe von Vorfällen zeigt, dass dieses Selbstverständnis wohl kaum mit Inhalten gefüllt wird.

In Gruppenstrukturen wird über Sexismus seit Jahren diskutiert, aber zu wenig verändert sich. Hier kann zum Beispiel das ewig leidige Redeverhalten genannt werden. Ganz zu schweigen von den immer wieder umgehenden Mails, die darüber informieren welcher Typ sexuell übergriffig war.

Wie viele Jahre müssen wir hier noch stehen und dafür plädieren, dass sich alle, aber vor allem Männer, mehr mit ihrer eigenen Sexualität, der selbst reproduzierten Geschlechterrolle und dem eigenen Verhalten auseinandersetzen? Wie lange müssen wir am 8.März und den restlichen 364 Tagen im Jahr dafür kämpfen, dass sich was ändert, dass Frauen ein Verhältnis zu sich und ihrem Körper entwickeln können, das nicht von Verwundbarkeit und Angst geprägt ist.

Es ist kräftezehrend und nervig – und sollte allein deshalb nicht der Mittelpunkt unseres politischen Daseins sein. Mal ganz abgesehen davon, dass es ermüdend ist immer von Männern zu reden und wir unsere Zeit mit wesentlich besseren Dingen verbringen können. Deshalb wollen wir nicht immer nur darüber reden wie scheiße und gefährlich das Patriarchat ist, das wissen wir eh alle.

Wir wollen davon reden, dass wir aus dieser Rolle auch austreten können, dass wir einen eigenen Handlungsspielraum haben, der die patriarchale Struktur der Gesellschaft angreifen kann. Wir wollen von einer feministischen Praxis sprechen, die sich Räume nimmt und in der sich alle gegenseitig ermutigen, Verantwortung für sich zu übernehmen und sich selbst ins Subjekt zu setzen. In der wir uns Räume schaffen, die sich schon ein bisschen wie befreite Gesellschaft anfühlen.

Doch wollen wir nicht nur von befreiten Räumen und solidarischer und feministischer Praxis sprechen, sondern diese auch leben! Und das können wir auch! In Leipzig gibt es mehr als eine feministische und antifaschistische Gruppe, die komplett ohne Männer organisiert ist. Und wir können euch sagen: Plena ohne Dudes machen nicht nur Spaß, sondern sind total produktiv, weil wir unsere Zeit nicht damit verbringen über Redeanteile und Rumgemacker zu streiten. Die feministische Praxis, die wir leben, lässt uns unsere Geschichte selbst schreiben: wir lesen die Texte und Bücher, die wir wollen, führen Diskussionen, über Themen die wir wollen und organisieren uns, wie wir wollen! Wir gehen auf Partys, entscheiden uns selbstbestimmt für oder gegen Kinder, sagen unsere Meinung auf Plena und stellen uns antisemitischen Demonstrationen entgegen – auch, oder vor allem, am 8.März!

Wir setzen uns selbst ins Subjekt! Erkämpft die Räume, nehmt euch die Räume und füllt die, die es schon gibt!

Gegen den Kirchentag 2022 - von wegen Nächstenliebe

Redebeitrag

2022

Nächstenliebe ist euer Glaubensgrundsatz, ein grundlegendes Element eurer Praxis. Doch geht eure Liebe nicht weiter als eure eigene Vorstellung von Norm, Recht und Ordnung. Ihr widersprecht euch wenn ihr Nächstenliebe predigt und gleichzeitig denjenigen die Liebe verweigert, die sich mehr Selbstbestimmung wünschen, die ihre Vorlieben und Identitäten ausleben und nicht unterdrücken und hinter einer scheinheiligen Fassade verstecken wollen.

Eure Liebe hat keinen Raum für Abweichung und Diversität. Eure Nächstenliebe zieht eine Grenze, sobald Menschen aus eurer Norm ausbrechen. Sobald sie nicht den Traum einer traditionellen Kleinfamilie hegen. Eure „Liebe“ kotzt uns an.

Die Würde des Menschen beschreibt ihr als wesentliches Element eures Handelns. Doch sprecht ihr denjenigen Menschen die Würde ab, die sich mehr Freiheit wünschen. Freiheit ist auch, nur dann ein Kind zu bekommen wenn man es selber möchte. Sich entscheiden zu können das eigene Leben so zu führen wie man es sich wünscht. Das ist doch selbstverständlich – oder Leben wir noch im Mittelalter? Ihr wollt Leben schützen, doch zerstört die Leben der Menschen, die nicht in eure Vorstellung von richtigem Leben und Familie passen. Das sich Rechte wie die AFD und der Verein Lebensrecht Sachsen, die auch vor Holocaust Vergleichen nicht zurück schrecken bei euch wohl fühlen wundert uns nicht – für euch ist das anscheinend auch kein Problem, sonst wären Sie kein Teil eurer Woche gegen – pardon – für das Leben.

Ihr alle, die ihr euch in eurer Institution der Kirche gemütlich eingerichtet habt, die ihr Werte verbreiten wollt, die Frauen ihre Selbstbestimmung über ihren Körper und ihr Handeln nehmen; die LGBTQI keinen Raum für ihre Persönlichkeit gibt und aus den eigenen Kreisen ausschließt. Eure Toleranz und Übereinstimmung mit dem rechten Spektrum sind menschenfeindlich, sind frauenfeindlich, sind reaktionär. Ihr schweigt wieder, ihr schaut weg, wie ihr es schon immer getan habt: bei den tausendfachen sexuellen Missbräuchen in euren Institutionen, bei den Entlassungen geouteter Mitarbeiter*innen, bei den verweigerten Abtreibungen in euren Krankenhäusern.

Seit euch bewusst, euer Altherrenclub der einen alten muffigen Mantel des Schweigens über alles legen will was nicht in euer Selbstbild passt und die die Freiheit und die Selbstbestimmung anderer aktiv einschränkt, ist zum Scheitern verurteilt.

Seit euch auch bewusst, dass alles was ihr zu verdrängen versucht in unserer Gesellschaft existiert und existieren wird. Auch morgen wird eine Frau wieder abtreiben oder sich für ein Kind entscheiden. Auch morgen werden Menschen weiter aus der Kirche austreten. Auch morgen wird an einem Küchentisch irgendwo in diesem Land das schweigen gebrochen. Und das ist gut so.

Amen.

Das Unbehagen mit dem Sternchen - die feministische Sprachkritik ist mehr als eine Frage der Zeichen

Diskussionsbeitrag

2016

Ein Junge wird von einem Auto angefahren und ins Krankenhaus eingeliefert. Einer der anwesenden Ärzte sagt geschockt: »Ich kann dieses Kind nicht behandeln, das ist mein Sohn.« Doch der Vater des Patienten ist gar kein Arzt.

Wie sich dieses Rätsel lösen lässt? Einige sollten nur Sekundenbruchteile für die Lösung benötigen. Nämlich all jene, die meinen, es gäbe ein Generikum, das – obwohl grammatikalisch männlich – die weibliche und männliche Bedeutung einschließt und transportiert. Vermutlich müssen die meisten länger überlegen. Dieses bekannte Beispiel belegt – in a nutshell – die These, dass sich Sprache der gesellschaftlichen Realität anpassen muss, um verständlich zu sein, gerade wenn es um die Repräsentation von Geschlecht geht.

Die Bemühungen um eine geschlechtergerechte Sprache haben spätestens 1981 mit den Richtlinien zur Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs ihren Weg in den offiziellen Diskurs gefunden. Als Anfang der neunziger Jahre von der UNESCO und bundesdeutschen Behörden Vorschläge für eine geschlechtergerechtere Sprache veröffentlicht wurden, nahm die Entwicklung ihren Lauf. Selbst die Duden-Redaktion hat der Diskussion inzwischen Rechnung getragen, sie erkennt allerdings lediglich die Schreibweise mit Schrägstrich an, also beispielsweise Klempner/innen. Die öffentliche Diskussion ist jedoch Ergebnis einer viel länger andauernden feministischen Auseinandersetzung. Wenn Frauen in Männerdomänen einbrachen, stritten sie auch dafür, sprachlich sichtbar zu werden. Mit der Entstehung einer Frauenbewegung bekam das Anliegen eine politische Resonanz. Seit der Ersten Frauenbewegung hat sich innerhalb der feministischen Sprachdiskussion viel verändert. Wo gestern noch »nur« für die Benennung von Frauen in der Sprache gekämpft wurde, wird heute versucht, alle nichtrepräsentierten geschlechtlichen Identitäten sichtbar zu machen. Es sollen in der Sprache auch diejenigen Personen repräsentiert werden, die sich weder als weiblich noch als männlich definieren, ebenso wie Personen aller Sexualitäten. Über die Umsetzung in geschriebenem wie gesprochenem Text gibt es keine Einigung: Binnen-I, Schrägstrich, – x, Sternchen und/oder Unterstrich, für alle Varianten gibt es Verfechterinnen. Und selbstverständlich auch für die Variante, die mit einem generischen Maskulinum arbeitet, die also argumentieren, das grammatikalisch maskuline Wort umfasse alle Geschlechter.

Die Diskussion um geschlechtergerechte Sprache, das sogenannte Gendern, wird erbittert geführt, für einige ist die Verwendung von Sternen der einzig richtige Weg, das Unbehagen am Geschlecht auszudrücken. Die Gegenseite wittert das Ende jeder abendländischen Kultur, wenn der Duden nicht das Maß der Dinge ist. Aber der Fokus auf Formalia überdeckt – auf beiden Seiten – zu häufig die interessanteren Diskussionen: Warum ist es wichtig, Gender-Diversität auszudrücken? Kann eine verallgemeinernde Aussage über Menschen so formuliert werden, dass sich jedes Individuum in ihr wiederfindet? In welchem Verhältnis steht Sprache zur Macht und in welchem zum Beschreibenden?

Herrschaft zwischen den Zeilen

Die Antworten auf die Frage, was Sprache ist und wie sich Sprache zur Wirklichkeit verhält, sind divers. Manchmal wird eine radikale Trennung angenommen, Sprache als bloßes Abbild von Wirklichkeit gesehen, als (unabhängiges) Zeichensystem gedeutet oder die gesamte Welt in

Quelle: https://afbl.org/categories/1/papers/28 1

Diskurse aufgelöst. Aber weder ein als abgeschlossen betrachteter Sprachbereich noch die Auflösung der materiellen Welt in Sprache scheinen den Veränderungen, denen Sprache unterliegt, entsprechen zu können, eher gibt es wohl eine Wechselwirkung von Sprache auf Wirklichkeit und vice versa. Dieses Korrespondieren ist konstitutiv für die Weltauffassung der Einzelnen und das heißt auch, dass die Sprache sich einer veränderten Gegenwart anpassen muss. Sprachgeschichtlich gibt es nicht die eine Ursprache, zu der es zurückzukehren gälte oder die erhalten werden müsste, Sprache entwickelt sich beständig weiter. Zugleich erhält die Wahrnehmung der Welt durch Sprache ihre Raster und das Selbstverständnis der Einzelnen wird durch sie geformt. Wenn die Grenzen der Sprache zu eng gefasst sind oder sie eine strukturell diskriminierende Form hat, kann das verheerende Auswirkungen haben. In der Sprache, gesprochen wie geschrieben, drücken sich gesellschaftliche Machtverhältnisse aus. Dafür seien zwei Beispiele angeführt. Zuerst Viktor Klemperers Analyse der Sprache des Nationalsozialismus, die er in seinen Tagebüchern dieser Zeit festhielt und unter dem Titel »LTI« (Lingua Tertii Imperii) 1947 publizierte, und anschließend die dystopische Vision einer rigiden Sprachwandlung in George Orwells »1984«, das Ende der vierziger Jahre verfasst wurde.

Klemperer zeigte in seinen Aufzeichnungen LTI für die Zeit des Nationalsozialismus die Wirkung, die Sprache entfalten kann, und arbeitete deren Instrumentalisierbarkeit heraus. Insgesamt analysierte er die ideologische Funktion von Sprache im NS, wie etwa die der Superlative, Abkürzungen, Imperative oder auch der bewusst initiierten Veränderung der Bedeutung von einzelnen Worten oder ganzen Phrasen und die Auswirkungen dieser Sprachwandlung auf die Menschen. Wenn Klemperer damit vor allem Zeugnis ablegte über das grausamste Kapitel der deutschen Geschichte, so verwies er doch auch auf allgemeinere Zurichtungsmechanismen von Sprache. »Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich«, diagnostizierte Klemperer entsprechend, »sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen, je selbstverständlicher, je unbewusster ich mich ihr überlasse.« Wenn auch im Entstehungskontext mit wesentlich dramatischerer Konsequenz, ist diese Auffassung von Sprache im Kern auch über die Zeit des Nationalsozialismus hinaus gültig. Denn insbesondere die vor- oder unbewussten Ordnungsschemata, derer sich Sprache bedient, formen die Wahrnehmung, ohne dass dies unbedingt bemerkt werden würde – und gerade eine solche Bewusstwerdung der Selbst- und Fremdzurichtung durch Sprache sollte das Ziel eines reflektierten Umgangs mit Sprache sein! Klemperers Zeilen verweisen allgemein darauf, dass Sprache das Denken einrichtet und entsprechend die Raster bietet, nach denen die Welt geordnet wird. Wenn diese Raster diskriminierend sind, dann setzt sich dies unbemerkt in der Weltauffassung fort. So schreibt Klemperer weiter: »Und wenn nun die gebildete Sprache aus giftigen Elementen gebildet oder zur Trägerin von Giftstoffen gemacht worden ist? Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.« Der Verfasser zog dazu exemplarisch die Umdeutung von »fanatisch« heran, das im NS zunehmend positiv konnotiert wurde und damit eine neue Bedeutung erhielt. Aber wenn Klemperer diese spezifische ideologische Aufladung von Sprache analysierte, verwies er damit doch zugleich auch allgemein auf Wirkungen repressiver Sprache. Denn wenn diskriminierend gesprochen wird, dann hat das seine Folgen für die Menschen. Sei das Resultat eine inferiore oder eine superiore Auffassung der eigenen Person, es liegt eben auch an der Sprache und den Möglichkeiten der Fremd- und Selbstrepräsentation, die sie bietet.

Auch George Orwell setzte sich mit dem Verhältnis von Denken und Sprache in einem ideologisch aufgeladenen Kontext auseinander. In seiner Dystopie »1984« führte er ein Gedankenspiel durch, das die Erfahrungen des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkrieges, aber mehr noch des Stalinismus und des beginnenden Kalten Kriegs verarbeitete, wie er sie aus einer angelsächsischen Perspektive wahrgenommen hatte. Die negative Zukunftsvision handelte von einem umfassenden Staatsapparat mit vollständiger Überwachung und Denkverboten. Zentral war in dieser Fiktion eine radikale Spracheinschränkung, welche die Weltsicht der Menschen nach den Maßgaben des »Big Brother« formen und dadurch die Freiheit des Denkens sukzessive aufheben

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sollte. Orwell nannte die Sprachumwandlung Newspeak (dt. Neusprech), das von der Partei des Großen Bruders instituiert wurde und das die politische Realität euphemistisch überschrieb. Durch Streichung von Worten sowie Einschränkung von Bedeutungen sollte das Denken der Menschen auf Parteilinie gebracht und gehalten werden. So wurden beispielsweise für das Adjektiv »gut« die Steigerungsformen »plusgut« und »doppelplusgut« eingeführt, das Gegenteil von »gut« wurde zu »ungut« – Worte wie »besser« oder »schlecht« sollte es gar nicht mehr geben; frei nach dem Motto, wofür es keine Begriffe mehr gibt, das kann auch nicht mehr gedacht werden. Dieses Beispiel für autoritäre Sprachauffassungen wird mitunter (weil missverstanden) ausgerechnet gegen feministische Positionen gewendet, wenn Gender-Vorschläge als Newspeak diffamiert werden. Dabei ist das Anliegen ja nicht wie bei Orwell, Begriffe aus der Sprache (und damit des Denkbaren) zu tilgen, sondern im Gegenteil, die einschränkenden geschlechtlichen Zuschreibungen zu erweitern, um mehr als heterosexuelle Lebensweisen denkbar zu machen.

Warum aber Orwell und Klemperer anführen, wenn es um die Frage der Sichtbarmachung geschlechtlicher Diversität in der Sprache gehen soll? Im Gegensatz zu den plakativen Vorhaltungen gegenüber feministischen Positionen à la »Sprachpolizei« ist in Orwells fiktiver Vorstellung einer durch und durch ideologisch aufbereiteten Sprache, wie auch in der realen ideologischen Veranschlagung von Sprache im Nationalsozialismus, die Klemperer beschrieb, gerade etwas anderes angezeigt. Nicht um die Frage von Künstlichkeit oder Neologismen drehte sich die Kritik primär (wobei diese für Klemperer durchaus auch eine Rolle spielten, aber in einem ganz anderen Kontext), sondern – fundamentaler – um das Verhältnis von Sprache und Weltsicht, von dem, was Wahrheit sein soll, und dem, was Lüge. Und vor allem: von der Instrumentalisierbarkeit dieser Kategorien, wenn die Sprache explizit menschenverachtend aufgeladen wird, wie den verheerenden Auswirkungen auf das Denken der Menschen. Damit ist aber in ihrer ganzen Radikalität die potentielle Wirkungskraft von Sprache angezeigt! Weder Orwell noch Klemperer sollen hier zu feministischen Sprachkritikern ernannt werden, war ihr jeweiliger Gegenstand doch etwas anderes. Im Unterschied zu gegenwärtigen feministischen Debatten um das Verhältnis von Sprache und Gewalt, in denen mitunter Gewalt in der Sprache einseitig betont wird, reagierten beide Autoren auf physische Gewalt, mit der die Sprache korrespondierte. Die Sprache ist dem perfiden System des Nationalsozialismus oder dem fiktiven von »1984« nicht vorgelagert, sondern Teil des Ganzen. Nicht die bloße Gewalt der Sprache, sondern die menschenverachtende Politik, die sich in ihr Ausdruck verschaffte, stand im Zentrum beider Texte. Beiden Beispielen unterliegt zugleich implizit die Forderung nach einem reflektierten Umgang mit Sprache und eben darum geht es in ganz anderem Kontext auch bei feministischer Sprachkritik.

Sprachkritik und Praxis

In der Sprachphilosophie gab und gibt es die unterschiedlichsten Ansätze, wie beziehungsweise ob Sprache sich auf das Handeln und Denken von Menschen auswirkt. Kulturkritische, postmoderne und materialistische Theorien bestimmen die Auseinandersetzung um feministische Sprache. Wer dem frühen Wittgenstein folgt, sieht in Sprache kein Handeln, lediglich die innere Logik eines Textes wird dann zum Bestand der Sprachkritik, da Sprache und Welt als voneinander unabhängige Systeme angesehen werden. Kulturkritische Vertreterinnen, wie Hugo von Hofmannsthal oder Bastian Sick, beklagen einen Sprachverlust, weil ihr Bezugspunkt eine vermeintlich bessere Vergangenheit ist, die romantisch überhöht wird. Jede Modernisierung und Wortschöpfung wird als Verlust von Kultur gesehen. Diese Position wird heute meist nicht in sich kohärent vertreten, denn es werden nur bestimmte Veränderungen als Kulturverlust angesehen, das kann die Rechtschreibreform sein oder eben auch die Verwendung des Binnen-I, um Frauen sprachlich zu repräsentieren. Welche Kultur hier warum verteidigt werden soll, wird nicht weiter expliziert. Die Vorstellung von Sprache als konservierbar in ihrem Status quo verkennt den ganz logischen Veränderungsprozess, den sie vollziehen muss, um sprech- und schreibbar zu bleiben.

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Gesellschaftliche Veränderungen müssen ebenso ausdrückbar sein, wie es Begriffe für neue Erfindungen und Entdeckungen geben muss. In der Sprache der Romantik gab es die Begriffe Astronautinnen oder Patchworkfamilie nicht, weil das Bezeichnete eben im Leben nicht vorkam.

Postmoderne Theorien, denen in der aktuellen queerfeministischen Diskussion oft gefolgt wird, überhöhen hingegen Sprache als Instrument, Wirklichkeit zu gestalten. Ohne tiefere Begründung heißt es zum Beispiel in der viel zitierten Broschüre »Was tun?« der AG Feministisch Sprachhandeln der Humboldt-Universität Berlin: »Sprache ist immer eine konkrete Handlung. Über Sprache bzw. Sprachhandlungen wird Wirklichkeit geschaffen.« Nicht nur Sprache und Handeln sind hier eins, sondern die Verwendung von Begriffen wird – ohne Ambivalenzen – als gesellschaftsverändernd interpretiert. Das Individuum hat scheinbar unendliche Möglichkeiten durch bloßes Benennen den Gegenstand der Kritik zu verändern. Eine recht naive Halluzination. So einfach kann es nicht sein und ist es nicht. Wie sollten sich innerhalb eines solchen Verständnisses denn gesellschaftliche Prozesse erklären lassen? Wenn ich den Lehnherren nur nicht mehr so nenne, verschwindet er mitsamt seiner Macht? Auch eine möglichst inklusive Benennung ändert noch nichts an der gesellschaftlichen Verfasstheit. Die Verwendung der Form Bürgermeister*in führt nicht zu einer realen Präsenz von transidenten Personen auf einem derartigen Posten.

Von gesellschaftlichen Strukturen kann sich in der postmodernen, wie auch schon in der kulturkritischen Sprachkritik kein Begriff gemacht werden. Anders in einer materialistischen Sprachkritik, die eine gute Grundlage auch für feministische Diskussionen ist.

Materialistische Sprachkritik ist eine Ideologiekritik, die nach der konstitutiven Begrenztheit von Sprache innerhalb ihres linguistischen und gesellschaftlichen Systems fragt. Sprache wird ins Verhältnis zu Welt und Denken gesetzt, sie ist also nicht unabhängig von Gesellschaft, sondern ihr ist ein historischer und gesellschaftlicher Kontext eingewebt. Wie könnte es anders sein: Sprache und Welt stehen in einem dialektischen Verhältnis. Obwohl Sprache als scheinbar natürlich wahrgenommen wird, ist sie ein Produkt historischer Erfahrung und gesellschaftlicher Praxis. Der materialistische Ansatz führt Sprache auf gesellschaftliche Praxis zurück, von der sie bestimmt wird und mit der sie korrespondiert. Dieser Zugang der Kritischen Theorie zur Sprache lässt sich für feministische Sprachkritik nutzbar machen. Es wird möglich, Begriffe zu hinterfragen, ohne den gesellschaftlichen Bezug zu vernachlässigen. Sowohl Enthistorisierung von Sprache wie auch ihre absolute Gleichsetzung mit Handeln, wie sie im postmodernen Feminismus vorkommt, können kritisiert werden.

Vielleicht ist eine letzte Einigung über die Relation von Sprache und Wirklichkeit nicht vonnöten, um anzuerkennen, dass Texte Vorstellungen von Gesellschaft transportieren. Auch wenn erbittert darüber gestritten wird, wie sich das Verhältnis zwischen Gegenstand und sprachlicher Abbildung gestaltet, letztlich ist die Entscheidung, wer in einem Text zu Wort kommt, über wen geredet wird, welche geschlechtlichen Zuschreibungen betont oder ausgelassen werden, eine bewusste. Ob oder wie geschlechtersensible Sprache verwendet wird, verändert die Bilder im Kopf der Lesenden sowohl zu dem Geschriebenen als auch über die Autorinnen. Die Verwendung von Sternchen oder Unterstrich sagt etwas über die politische Einordnung der Schreibenden aus, gleichzeitig kann es aber auch eine berechtigte Position sein, den Fokus nicht auf Geschlecht legen zu wollen.

Sprache kann Ausdruck von Macht sein, sie will etwas fassen, sie ist jedoch andererseits auch nur das: Repräsentation. Von Gewalt zu sprechen, ist nicht dasselbe, wie diese auszuüben, und auch keine Reproduktion von Gewalt. Einige Verfechterinnen von geschlechtergerechter Sprache scheinen so in den Diskursen verfangen, dass sie diese nicht mehr als das Reden über etwas

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wahrnehmen, sondern als das Etwas selbst. Wer über Vergewaltigungen schreibt, vergewaltigt damit nicht. Wenn dieser Unterschied nicht mehr gesehen wird, wird körperliche Gewalt verharmlost und betroffenen Menschen wird die Möglichkeit genommen, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Die Debatte nimmt bisweilen absurde Züge an. In den USA wird beispielsweise seit einiger Zeit diskutiert, wie innerhalb des Jura-Studiums (sexualisierte) Gewalt thematisiert werden soll. Einige Studentinnen fordern, dass Vergewaltigung als Straftatbestand nicht mehr zur Pflichtlehre gehören soll, und setzen teilweise das Sprechen über Vergewaltigungen mit realer sexualisierter Gewalt gleich, wie Professorin Jeannie Suk von der Harvard Law School im New Yorker ausführte. Einzelne gehen so weit, zu fordern, dass in der Lehre auf den Begriff violence verzichtet werden soll, da dieser traumatisierend wirken könne. Ähnliche Beispiele gibt es auch an deutschen Unis – und in der linken Szene.

Fälschlicherweise wird sich in solchen Diskussionen auf Judith Butler bezogen, die zwar dem linguistic turn zuzuordnen ist, aber in ihrem Buch »Hass spricht« ganz konkret einem Redeverbot widerspricht und zwischen Benennung und Tat unterscheidet. Butler differenziert zwischen hate speech und sogenannten verletzenden Worten, nur erstere, also eine Sprache, die Angst auslöst und andere einschränken soll, ist auch gewaltvoll. Aber auch abgesehen von Auswüchsen wie denen in Harvard wird der Gegenstand der Auseinandersetzung oft unnötig vom Inhalt zur Form verschoben.

SchrägUnterBinnenSternchen

Die Wahl der Sprache ist verbunden mit der Frage nach den Adressatinnen, dem Grund des Textes und der Form der Veröffentlichung. Aber auch politische Haltung wird durch Stil und Wortwahl transportiert. Sprache ist nicht nur Kommunikations-, sondern auch Distinktionsmittel.

Die Sprache des Adels war eine andere als die Sprache der Feldarbeiterin, in der katholischen Kirche wurde die Sonntagspredigt auf Latein gehalten, damit auch ja kein dahergelaufener Glaubenspöbel ein Wort verstand. Er verstand die Botschaft trotzdem: Dort ist die Macht, ich bin auf der anderen Seite.

Lange Zeit wurde in der westdeutschen Linken Deutschland »brd« buchstabiert. Egal, worum es in dem Text ging, mit den Kleinbuchstaben wurde Verachtung gegen den Staat ausgedrückt. Aktuell wählen selbsternannte Gesellschaftskritiker mit Vorliebe einen antiquierten Sprachstil, vermutlich wollen sie auf diese Weise die Verachtung gegenüber anderen Linken zum Ausdruck bringen. Während diese Herren und Damen nicht müde werden, Feministinnen vorzuwerfen, ihre Unterstrich-Schreibweise sei unverständlich, weisen sie den Vorwurf der Unverständlichkeit an ihren eigenen Texten als Antiintellektualismus von sich.

Wie kann Sprache so gestaltet werden, dass sich alle – von Adressaten über Adressat_innen bis Adressatinnen – angesprochen fühlen? In diesem Text geht es nicht darum, eine einfache Antwort zu geben, die eine Zeichenfolge favorisiert. »Puh!«, hören wir die Leserinnen stöhnen. Jetzt lese ich mich durch 20 000 Zeichen und finde keine Antwort? Naja. Die Antwort ist: Der Wunsch nach Inklusion Aller bei gleichzeitiger Nennung möglicher Unterschiede ist nicht erfüllbar. Eine allgemeine Bezeichnung ist gerade dafür da, alle, die mit ihr gemeint sind, zu umfassen, unabhängig ihrer individuellen Differenzen. In vielen Fällen spielt dabei weder Geschlecht noch Sexualität oder Hautfarbe eine Rolle. Von »Frauen« zu schreiben, kann politisch sinnvoll sein, um beispielsweise das gesellschaftliche Geschlechterverhältnis zu beschreiben oder um Gewalt gegen Frauen benennen zu können. Dass es auch andere Gewalt gibt, zum Beispiel gegen

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Schwule, die dabei nicht genannt wird, ist unbenommen. Aber eben auch nicht notwendig zu erwähnen, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht. Wer meint, mit der simplen Verwendung des Wortes Frau werde Geschlecht festgeschrieben, nimmt sich die Möglichkeit feministischer Gesellschaftsanalyse, weil die manifeste Geschlechterhierarchie nicht benannt werden kann. Auch alle, die das Männliche als das Allgemeine setzen, also das generische Maskulinum verwenden, können mit ihrem Vokabular und dem dahinterstehenden Denken Gesellschaft nicht angemessen fassen.

Diejenigen, die für Sternchen oder kreativen Unterstrich als Generikum plädieren, wähnen sich auf der Seite größtmöglicher Inklusion, doch nicht jede bevorzugt es, als Frau* angesprochen zu werden. Zudem wird in Kauf genommen, dass alle, die von der sehr internen Debatte um Zeichen noch nie gehört haben, nicht verstehen, was damit gemeint ist.

Wer heute von »Menschen« oder »Personen« schreibt, will ja genau etwas über alle sagen (auch wenn historisch zu häufig bei dem Wort Mensch nur Mann im Sinn war). Und nicht über individuelle Eigenheiten. Wenn das Wort Mensch mit Anführungszeichen versehen wird oder jeder Gruppe ihre mögliche Sexualität in Abkürzung zugesetzt wird, wird der allgemeinen Form jede Kraft genommen und die Begriffe werden entmenschlicht. Es braucht keinen Zusatz vor Menschen, denn dabei ist die Rede von allen, und wo dies nicht gilt, muss politisch interveniert werden. Andererseits muss ein Generikum bewusst gewählt werden. Sätze, die mit »alle Frauen wollen« beginnen, können kaum richtige Aussagen treffen, egal ob sie auf » … eine starke Schulter« oder » … finanzielle Unabhängigkeit« enden. Auch wenn der eine richtige Weg nicht existiert, gibt es eben doch einen Haufen falscher Fährten.

Dieser Text plädiert dafür, feministische Positionen zu vertreten und sprachlich genau zu argumentieren. Die Hauptkritik sollte dennoch nicht auf die Verwendung von Generikum, Unterstrich oder Binnen-I gerichtet werden, sondern auf Argumente. Die Mühe der Widerlegung von antifeministischen Stereotypen, von sexistischen Beispielen oder anderer Dummheit sollte sich gemacht werden. Andernfalls rühren alle in ihrem eigenen Brei, tragen Eulen nach Athen und predigen zu den Konvertierten. Obwohl es nervig sein kann, einen Text zu lesen, der durchgängig das Männliche als das Allgemeine setzt, sagt diese Kritik eben noch nichts über das Thema des Geschriebenen aus. Genauso wenig bedeutet die Verwendung von Unterstrichen oder Sternchen in einem Text, dass dieser emanzipatorische Ideen vertritt. Ein Wohlfühl-*, an dem die politische Gesinnung festgemacht wird, braucht es eben auch nicht. Eine scharfe Kritik an vertretenen Positionen ist wünschenswerter als an der Form des Textes. Das gilt für alle Beteiligten, die eine – meist antifeministische – Fraktion kann nicht mehr, als sich über Neologismen lustig zu machen, die andere – meist queere – echauffiert sich über das maskuline Generikum, als würde damit Gewalt verherrlicht. Mit keiner der Haltungen lässt sich gut diskutieren. So banal, wie das klingen mag: ohne Respekt vor dem Gegenüber geht es nicht.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Sprache bei der Kritik keine Rolle spielt. Es wurde – hoffentlich – gezeigt, dass Sprache sehr wohl mehr als einen Inhalt transportiert, dass sie genutzt werden kann, um gesellschaftliche Veränderungen anzuerkennen oder eben zu negieren. Wer nur von Ärzten und Krankenschwestern schreibt, zeichnet ein gesellschaftliches Bild aus dem vergangenen Jahrtausend. Wer allerdings von Kanzler_in Merkel schreibt, illusioniert eine geschlechtliche Uneindeutigkeit, die unter dem Mantel der Inklusion individuelle Eindeutigkeiten verschwinden lässt. Noch absurder wird es, wenn die Feinde jeder Emanzipation mit einem Unterstrich aufgewertet werden. Auf einem Transparent gegen Legida war Mitte 2015 von Macker*innen zu lesen, unter Nazis gibt es sicherlich Nationalsozialistinnen, transidente Menschen werden sich jedoch kaum in Kameradschaften finden lassen.

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Die Abwägung von Verständlichkeit, Adressatinnen, Kontext und Thema bleibt eine Herausforderung für feministisches Schreiben, besser gesagt: für jedes Schreiben.

Ein Flyer für eine queere Party wird mit Unterstrichen oder Sternchen das gewünschte Publikum erreichen. Einen Artikel bei einer Zeitung unterzubringen, die schon jedes Binnen-I herausredigiert, verlangt nach anderen Wegen. Eine recht elegante Lösung kann das generische Femininum bieten: Der Kontext klärt darüber auf, dass offenbar nicht ausschließlich von Frauen die Rede ist, das Überlegen darüber kann bei Leserinnen einen kurzen Denkanstoß zum Geschlechterverhältnis geben, Texte werden nicht schwieriger zu lesen und entsprechen der Rechtschreibung. Menschen, die sich weder einem weiblichen noch einem männlichen Geschlecht zuordnen, sind in diesem Generikum allerdings nicht explizit sichtbar gemacht. Im Gegenzug sollte, wo möglich, im Singular und in den Beispielen Transidentität sichtbar gemacht werden. Vielleicht kann die Duden-Variante sogar eine Alternative anbieten, der Schrägstrich ist am Ende doch auch nur ein sich aufrichtender Unterstrich. Viel wichtiger als diese Markierung bleibt jedoch eine inhaltliche Anerkennung geschlechtlicher und sexueller Vielfalt, eine Abkehr von klischeebehafteten Beispielen und eine feministische Position, die sich aus dem gesamten Text herauslesen lässt.

Hat sich hoffentlich gelohnt, bis zum Ende dabei zu bleiben. Ach so, der Arzt ist eine Ärztin und die Mutter.

AFBL Antifaschistischer Frauenblock Leipzig, erschienen in: Jungle World, Januar 2016

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Frauen als Täterinnen im Nationalsozialismus und die Frauenforschung Die Hälfte der Schuld den Frauen!

Umgang mit dem Thema Frauen und Nationalsozialismus innerhalb der Frauenforschung

2007

Die allgemeine Geschichtsforschung kümmerte sich nach 1945 wenig um den Themenkomplex Frauen und ihre Rolle während des Nationalsozialismus. Lediglich die Trümmerfrauen wurden als Symbol für die Bereitschaft der Menschen in Deutschland, ihr Land wiederaufzubauen, überhöht dargestellt. Erst die Frauenforschung, ein Kind der 2. Frauenbewegung, nahm sich seit Anfang der 70er Jahre des Themas an. Wie bei allen Forschungsrichtungen, die ihren Ursprung in einer sozialen Bewegung haben, sind auch in der Frauenforschung die Forschungsthemen und die Frage, wonach im historischen Prozess gesucht werden soll, geprägt durch die Ziele und Vorstellungen der Akteurinnen der 2. Frauenbewegung. Die Perspektiven, aus denen sich die Frauenforschung dem Thema genähert hat, sind sehr unterschiedlich, dennoch wird jede durch das große Dilemma der Frauenforschung bestimmt: Ergebnisse erzielen „zu müssen“, die als positive Identifikationsgrundlage für die Frauen in der Gesellschaft und besonders in der Frauenbewegung gelten können. Also trat eine identifikationsstiftende Perspektive sehr stark in den Vordergrund und auch die Geschichte der Frauen im deutschen Faschismus wurde in erster Linie auf dieser Basis(1)untersucht. Um einen positiven Bezug zu ermöglichen, wurde zum einen die angeblich besondere Nähe der Frauen zum Frieden und zur Gewaltlosigkeit hervorgehoben und zum anderen der Forschungsschwerpunkt auf Widerstandskämpferinnen gelegt, außen vor blieb dabei die Schuld von Frauen im Nationalsozialismus. Eine weitere Richtung, die der identifikationsstiftenden Perspektive sehr nahe ist, lässt sich in Studien finden, die Frauen im Nationalsozialismus vorrangig unter dem Aspekt der Opferrolle untersuchen. Indem Frauen in erster Linie als Opfer der patriarchialen und frauenfeindlichen nationalsozialistischen Geschlechterpolitik gesehen werden, werden Täterinnen zu Opfern gemacht. Sie seien der Unterdrückung und Herrschaft der männlichen Nationalsozialisten ausgesetzt und daher gar nicht in der Lage gewesen, sich gegen den Nationalsozialismus zur Wehr zu setzen. Das Hauptforschungsinteresse wurde auf die Analyse des nationalsozialistischen Frauenleitbildes gesetzt, wodurch das reale Alltagsleben und Verhalten der arischen Frauen ausgeblendet wurde, ebenso wie die Lebensbedingungen von

„minderwertigen“ Frauen, wie Jüdinnen, Sinti und Roma, Lesben, psychisch Kranken, „Asozialen“ u.a. Am extremsten vertritt Gisela Bock(2) die Opferperspektive, indem sie soweit geht, die Zwangssterilisationen, die an Frauen durchgeführt wurden, mit dem Genozid an den Jüdinnen und Juden zu vergleichen. Ihre Studie eröffnete zwar eine wichtige Debatte über den Zusammenhang von Sexismus und Rassismus, indem sie deutlich machte, dass die nationalsozialistische Geburtenpolitik unter der Prämisse der „Aufartung der Rasse“ durchgeführt wurde und somit gleichzeitig ein männlicher Idealtyp glorifiziert wurde. Es zeigt sich jedoch auch, dass Bock versucht Frauen im Nationalsozialismus ein „Mehr“ an Opferstatus zuzuschreiben, indem sie versucht, Frauen und Jüdinnen und Juden als Opfer gedanklich zusammenzubringen. So bezeichnet sie die Tatsache, dass viele Frauen bei Zwangssterilisationen starben, als geplanten und bewussten Massenmord.(3) Mitte der 80er Jahre setzte sich innerhalb der Frauenforschung der Begriff der Mittäterinnenschaft(4)als konsensfähig durch: Während Männer die Vorherrschaft im Dritten Reich besaßen, haben Frauen lediglich ihre Verantwortung an sie delegiert. Die Frau könne also als nicht schuldig gelten, nicht zur Täterin werden, da ihre Schuld „nur“ in der Selbstaufgabe zugunsten des Mannes zu suchen sei. Eine Mittäterinnenschaft wird anerkannt in der Rolle der treusorgenden, unterstützenden Gattin und Hausfrau eines Täters. Der Begriff der Mittäterinnenschaft wird hier als analytischer Arbeitsbegriff verstanden, mit dessen Hilfe den unterschiedlichen Rahmenbedingungen der Taten von Frauen und Männern Rechnung getragen werden soll. Als eine Verschmelzung der Opfer- und Mittäterinnenperspektive kann der Ansatz der bekannten Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich gelten.(5)Diese spricht von männlichem und weiblichem Antisemitismus, die durch die unterschiedlichen Über-Ich- Dispositionen der Geschlechter geprägt werden: Männer werden aufgrund von Kastrationsangst zu Antisemiten, Frauen hingegen fürchten den Liebesentzug ihrer Umwelt, was sie zu einer Anpassung an männliche Vorurteile bringt. Die unterschiedlichen Perspektiven machen deutlich, dass die beteiligten Historikerinnen stets nach der Prämisse arbeiteten, nicht das individuelle Verhalten zu analysieren, sondern auf der Geschlechterebene zu argumentieren. Dieser Anspruch und die Einbettung in eine neue soziale Bewegung führten jedoch auch dazu, dass die Frauenforschung bei der Frage, ob Frauen als Täterinnen gelten können, stehen blieb und nicht erörterte, wo Frauen sich schuldig machten. Dieser Umstand führte zu heftigen Debatten(6) innerhalb der historischen Frauenforschung. Es kam zu schweren Vorwürfen und zur Kritik, sich nicht ausreichend mit der Schuld und Verantwortung der Frauen im Nationalsozialismus auseinandergesetzt zu haben. Der Begriff

„Täterin“ wurde als zu vereinfachend, der sozialen und historischen Situation der Frauen im Nationalsozialismus nicht gerecht werdend, abgelehnt. Demgegenüber stehen Autorinnen, die sich in erster Linie als Sozialhistorikerinnen verstehen und aufzeigen möchten, in welchen gesellschaftlichen Bereichen und wie Frauen im Nationalsozialismus die Möglichkeiten hatten, als Täterinnen aktiv zu werden. Einige dieser Täterinnengruppen sollen im folgenden vorgestellt werden.

Täterinnengruppen

Vorangestellt sei die Gruppe von Frauen um Pia Sophie Rogge-Börner(7), da sie eine Sonderrolle innerhalb der Täterinnengruppen einnehmen. Sie waren antisemitische Theoretikerinnen, deren national-feministische Forderungen so gar nicht dem nationalsozialistischen Frauenbild entsprachen, weshalb sie auch keine Unterstützung von den Nazis bekamen. Rogge-Börner war von 1933-1937 Herausgeberin der Zeitschrift „Die deutsche Kämpferin. Stimmen zur Gestaltung der wahrhaftigen Volksgemeinschaft“. Dort wurde eine krude Mischung aus national-feministischen Forderungen und populärwissenschaftlichen Ansichten über die Überlegenheit der nordischen Rasse vertreten. 1933 verfassten die völkisch- nationalen Feministinnen die Denkschrift „Deutsche Frauen an Adolf Hitler“. Darin forderten sie, dass sich die „besten deutschen Frauen und Männer“ die Führung der Nation teilen sollen, um gemeinsam und partnerschaftlich den „Kampf gegen die fremdrassigen Völker“ zu führen. 1937 wurde die Zeitschrift von der Gestapo verboten, da die darin erschienen Artikel von der Auslands- und Emigrantenpresse als „Hetzartikel“ gegen das nationalsozialistische Deutschland ausgewertet wurden. Das letzte Buch von Rogge-Börner erschien 1951 bei einem Göttinger Verlag.(8) Viele Täterinnengruppen finden sich in den Bereichen der „natur- und artgemäßen“ Frauenberufe. So waren es vor allem Fürsorgerinnen(9), die die sozialrassistisch begründeten tödlichen Ausgrenzungsmechanismen in der nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik in die Tat umsetzten. Sie sammelten personenspezifische Daten, die als Grundlage zur Entscheidung verwendet wurden, wer als „rassisch wertvoll“ und als unterstützungswürdig galt. Durch den persönlichen Kontakt mit den betroffenen Familien konnten die Fürsorgerinnen die Hauptziele ihrer Arbeit, die in erster Linie aus Selektion und „Rassenhygiene“ bestand, besonders gut erfüllen und die Vernichtungsideologie praktisch umsetzen. Sie registrierten „erbbiologisch minderwertige“ Personen und bestimmten so, wer nicht das Recht haben sollte, sich fortzupflanzen, und zwangssterilisiert wurde.

Ähnlich unterstützend verhielten sich Krankenschwestern bei der Umsetzung der „Aktion T4“: Ab 1942 wurden Tötungsklinken eingerichtet, in denen die Ermordung von psychisch Kranken durchgeführt wurde.(10)Offiziell wurden die Betroffenen in sogenannten Heil- und Pflegeanstalten untergebracht. Dort legten MedizinerInnen fest, wer unheilbar sei. Die Durchführung der Tötung gehörte zu den Aufgaben des Pflegepersonals, wobei man die Kranken entweder systematisch verhungern ließ oder sie durch die Injektion von Gift ermordete. Allein in der „Pflege- und Heilanstalt“ Meseritz-Obrawalde wurden so von 1942- 1945 mindestens 10.000 PatientInnen getötet. Auch der klassische Frauenberuf der Sekretärin bot Möglichkeiten, zur „Schreibtischtäterin“ zu werden. So waren Beamtinnen an der Transformation von antisemitischer und rassistischer Ideologie in verwaltbare Vorgänge beteiligt. Wie beispielsweise bei der Berliner Vermögensverwertungsstelle(11), in der die Deportation der jüdischen Bevölkerung in Berlin organisiert wurde. Von der Vermögensfeststellung der MieterInnen bis zur „Arisierung“ ihrer Wohnungen gab es zahlreiche Möglichkeiten „mitzuhelfen“. So fertigten beispielsweise weibliche Angestellte der Berliner Elektrizitätsbetriebe regelmäßig Listen der StromabnehmerInnen mit jüdischen und jüdisch klingenden Namen an. Auch rund um Deportationen von ehemaligen NachbarInnen ergaben sich verschiedene Möglichkeiten zu profitieren, sei es als Hausbesitzerin, Gebrauchtwarenhändlerin, Versteigerin oder „Schnäppchenjägerin“.

Auch die SS bot vielen Frauen einen Rahmen, in dem sie tätig werden konnten. Ab 1938 wurden im Frauenlager Lichtenburg zum ersten Mal SS-Aufseherinnen eingesetzt.(12) Die steigende Anzahl von weiblichen Häftlingen machte den Einsatz von Aufseherinnen nötig. In den Frauenlagern innerhalb der Konzentrationslager gab es ein Trennung in eine innere und äußere Bewachung. Die innere, direkte Bewachung der Häftlingsfrauen war die Aufgabe der Aufseherinnen, wohingegen die äußere Bewachung der SS oblag. Die Ausbildung zur SS- Aufseherin erfolgte bis 1944 im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, wobei rücksichtsloses, gewalttätiges und bedingungslos gehorsames V erhalten die besten Aufstiegschancen garantierten. In den Todeslagern Belzec, Kulmhof, Sobibor und Treblinka gab es keine Aufseherinnen, wohl aber in Lagern, die sowohl Vernichtungs- als auch Konzentrationslager waren, wie Auschwitz-Birkenau und Lublin-Majdanek: Insgesamt waren 10% des Wachpersonals weiblich. Rechtlich waren sie Angestellte der SS. Frauen konnten sogar Mitglied der SS werden.(13)1942 wurde das weibliche Nachrichtenkorps der SS gegründet. Auf einer SS-Schule im Elsass wurde die neue weibliche Nazi-Elite ausgebildet. Strenge Bewerbungsanforderungen sollten garantieren, dass nur die

Besten die Möglichkeit bekamen, zur SS zu gehören. Die Frauen wurden unter anderem zu Funkerinnen, Fernschreiberinnen, Stabshelferinnen, Mechanikerinnen und Krankenhelferinnen ausgebildet. Sie wurden zum Kriegsdienst in den annektierten Gebieten und in SS- Polizeiregimenten eingesetzt. Bei der Waffen-SS bedienten sie die Fernsprech-, Fernschreib- und Funkanlagen. Gegen Kriegsende gab es 10.000 Frauen im weiblichen SS-Korps. Eine weitere Täterinnengruppe im Umfeld der SS waren die Ehefrauen(14) der in KZs eingesetzten SS-Männer. Oft folgten sie ihren Gatten an deren Arbeitsplätze und wohnten mit den Kindern neben den Konzentrationslagern. Häufig hatten sie KZ-Häftlinge als Hauspersonal und Dienstmädchen aus den besetzten Gebieten. Sie forcierten die Lagerkorruption, indem sie sich aus den Vorratskammern der Lager und aus dem enteigneten Besitz der Häftlinge bedienten. Nicht selten stammten große Teile der Wohnungseinrichtung und der Garderobe der gnädigen Frau aus solchen Quellen. Aber die treusorgenden Ehefrauen wurden auch selbst tätig, indem sie Häftlinge denunzierten und beschuldigten und Bestrafungen provozierten. Elisabeth Willhaus erschoss vom Balkon aus Häftlinge im KZ Lemberg(15) und Lina Heydrich ließ ihren verletzten Sohn sterben, weil sie die Hilfe eines jüdischen Häftlings nicht annehmen wollte.(16)

Der Nationalsozialismus in Deutschland war zweifelsohne männlich geprägt. So findet sich bis auf Reichsfrauenführerin Gertrude Scholz-Klink in der NS-Führungselite keine Frau, weshalb auch keine unter den wichtigsten Kriegsverbrechern bzw. Verbrechern gegen die Menschlichkeit zu finden ist. Trotz der extrem patriarchalen Gesellschaftsstrukturen, die während des Nationalsozialismus herrschten, hatten Frauen die Möglichkeit, zur Täterin zu werden, und sie haben diese auch in vielfältiger Weise genutzt. Sei es als Täterin mit einem „spezifisch weiblichen“ Aufgabengebiet, wie Krankenschwestern und Sozialarbeiterinnen, oder mit einem Tatprofil, das dem der Männer entsprach, wie beispielsweise die SS- Aufseherinnen in KZs. Die hier dargestellten Täterinnengruppen wurden gewählt, um aufzuzeigen, dass zum einen „ganz normale Frauen“ Täterinnen waren und sind, und zum anderen, wie breit die „Wirkungsfelder“ der Täterinnen waren. Trotzdem hätte die Darstellung durch die Berufsgruppen der Ärztinnen und Lehrerinnen und prominente Nazi-Frauen wie Magda Goebbels ergänzt werden können. Die Fülle an Beispielen für eine weibliche Täterschaft während des Nationalsozialismus macht deutlich, dass die Frauenforschung auf diesem Gebiet noch Defizite hat. Anstatt die Erforschung der Täterinnengruppen anzustoßen und voranzutreiben, konzentrierte sich Frauenforschung lange darauf, Erklärungen und Entschuldigungen zu finden, die das V erhalten von Frauen im NS entschuldigten.

AFBL

Fußnoten

  1. Beispiele hierfür sind: Szepansky, Gerda (1986): Blitzmädel, Heldenmutter, Kriegerwitwe. Dies. (1983): Frauen leisten Widerstand. Kuhn, Anette/Rothe, Valentine (1982): Frauen im deutschen Faschismus.
  2. Bock, Gisela (1986): Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Studien zur Rassenpolitik und Frauenpolitik.
  3. Windaus-Walser, Karin (1988): Gnade der weiblichen Geburt? Zum Umgang der Frauenforschung mit Nationalsozialismus und Antisemitismus. In: Feministische Studien, 6. Jh., Nr. 1, S. 102-115.
  4. Thümer-Rohr, Christina (1987): Das theoretische Konzept der Mittäterinnenschaft. Koonz, Claudia (1991): Mütter im Vaterland. Frauen im 3. Reich.
  5. Mitscherlich, Margarete (1985): Antisemitismus – eine Männerkrankheit? In: Dies. Die friedfertige Frau, S. 148-160.
  6. vgl. Reese, Dagmar/Sachse, Carola (1991): Frauenforschung zum Nationalsozialismus. Eine Bilanz, in: Gravenhorst, Lerke/Tatschmurat, Carmen (Hrsg.): Töchter-Fragen. NS-Frauengeschichte. Dies. (1992): Frauen im Nationalsozialismus: Opfer oder Täterinnen? Zu einer aktuellen Auseinandersetzung in der Frauenforschung zum Nationalsozialismus, in: Berg, Christa/Ellger- Rüttgard, Sieglind (Hrsg.): „Du bist nichts, Dein Volk ist alles.“ Forschungen zum Verhältnis zwischen Pädagogik und NS. Schomburg, Petra (1996): Frauen im Nationalsozialismus. Ein Überblick über die historische Frauenforschung und die feministische Diskussion um Verantwortung und Beteiligung von Frauen am Nationalsozialismus, in: Niethammer, Ortrun (Hrsg.): Frauen und Nationalsozialismus. Historische und kulturgeschichtliche Positionen. Windaus-Walser, Karin (1988): Gnade der weiblichen Geburt? Zum Umgang der Frauenforschung mit Nationalsozialismus und Antisemitismus, in: Feministische Studien 6, Nr. 2, S. 102-115. Frauen gegen Antisemitismus (1993): Der Nationalsozialismus als Extremform des Patriarchats. Zur Leugnung der Täterschaft von Frauen und zur Tabuisierung des Antisemitismus in der Auseinandersetzung mit dem NS, in: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, Heft 35, 16. Jh., S. 77-89.
  7. Crips, Liliane (1990): „National-feministische“ Utopien. Sophie Rogge-Börner und die „Die deutsche Kämpferin“ 1933-1937, in: Femistische Studien, Nr. 1, 8. Jh., S. 128-137.
  8. Rogge-Börner, Sophie Pia (1951): Planet im Absturz? Darin bewertet sie den Genozid von Millionen von jüdischen Menschen, als Ergebnis eines „langen, schuldhaften Irrweges, der auf die Vermännerung der Menschheit zurückzuführen sei“ (Heinsohn, Kirsten/Vogel, Barbara/Weckel, Ulrike (Hrsg.) (1997): Zwischen Karriere und Verfolgung. Handlungsspielräume von Frauen im nationalsozialistischen Deutschland, S. 56. Kein Wort, das auf ein Bewusstsein für Schuld oder Verantwortung schließen lässt. In ihrem Alterswerk wandelte sich der nordisch-jüdische Rassengegensatz in einen europäisch-asiatischen Rassengegensatz. Rögge-Börner ist 1955 in Düsseldorf gestorben.
  9. Ebbinghaus, Angelika (Hrsg.) (1997): Opfer und Täterinnen. Frauenbiografien des Nationalsozialismus, 2. Aufl.
  10. Ebbinghaus, Angelika (1987): Opfer und Täterinnen. Frauenbiografien des Nationalsozialismus, 1. Aufl.
  11. Scheiger, Brigitte (1992): „Ich bitte um baldige Arisierung der Wohnung…“ Zur Funktion von Frauen im bürokratischen System der Verfolgung, in: Wobbe, Theresa (Hrsg.): Nach Osten. Verdeckte Spuren nationalsozialistischer Verbrechen, S. 175-196.
  12. Taake, Claudia (1998): Angeklagt: SS-Frauen vor Gericht.
  13. Schwarz, Gudrun (1992): Verdrängte Täterinnen. Frauen im Apparat der SS (1939-1945), in: Wobbe, Theresa (Hrsg.): Nach Osten. Verdeckte Spuren nationalsozialistischer Verbrechen, S. 175- 196.
  14. Schwarz, Gudrun (1997): Die Frau an seiner Seite. Die Ehefrauen der SS-Sippengemeinschaft.
  15. Ehefrau von Gustav Willhaus dem Lagerkommandanten des KZ Lemberg. Sie wurde nie verurteilt, da die Klage aufgrund von Mangel an Beweisen eingestellt wurde.
  16. Frau von Reinhard Heydrich, dem stellvertretenden Reichsprotektor für Böhmen und Mähren. Leitete die „Aktion Reinhard“, die auf die Vernichtung der polnischen Jüdinnen und Juden abzielte. Wurde 1942 bei einem Attentat von tschechischen WiderstandskämpferInnen getötet. Lina Heydrich betrieb nach 1945 eine Kneipe auf Fehmarn, die unter ehemaligen SS-Männern als beliebter Treffpunkt galt.

Ihr seid nicht vergessen!

Eine Ausstellung und mehr

2007

In der Ausstellung „Ihr seid nicht vergessen!“ wird die vergessene Geschichte des Mädchen- Konzentrationslagers und der dort inhaftierten Mädchen und Frauen dargestellt. Der AFBL zeigt die Ausstellung vom 01. bis 18. Oktober im Brühl 74, sie wird jeweils Dienstag, Mittwoch und Samstag von 15-20:00 Uhr geöffnet haben.
Das KZ Uckermark wurde offiziell euphemistisch als „Jugendschutzlager“ bezeichnet, in ihm wurden zunächst Mädchen inhaftiert, die von Fürsorgebehörden als asozial, kriminell oder verwahrlost kategorisiert und somit als Gefahr für die deutsche Volksgemeinschaft gesehen wurden. Um die Ausstellung in einen sinnvollen Kontext zu setzen, erweiterten wir die Auseinandersetzung um die angrenzenden Themen: Erinnerungspolitik, faschistische Fürsorge- und Sozialpolitik und ihre Kontinuitäten in der BRD und DDR, die Rolle der Frauen im Nationalsozialismus und die Geschichte Leipzigs während des NS. Die Sozialpolitik sah in den ‚Jugendschutzlagern’ „die ‚kostengünstige’ und ‚sichere Verwahrung’ unter Ausnutzung der Arbeitskraft“(1) Im Nationalsozialismus bedeutete das Folter und willkürliche Vernichtung für die inhaftierten Mädchen. Der Grundgedanke der damaligen Jugendpolitik war, eine homogene Volksgemeinschaft zu schaffen, in der vermeintlich kriminelle oder asoziale Jugendliche in Fürsorgeeinrichtungen isoliert werden. Dieser setzte sich in Teilen in der Sozialpolitik der BRD, z.B. dem Bewahrungsgesetz, und der DDR, in Form der Jugendwerkshöfe, fort.Im Hinblick auf die Rolle der Frauen im Nationalsozialismus geht es uns um das propagierte Frauenbild, die konkrete Beteiligung am Nationalsozialismus und den Umgang mit den Täterinnen nach ‘45 in der Gesellschaft und in der (Frauen-)Forschung.In Leipzig hatte die HASAG, einer der größten Rüstungsbetriebe im NS, ihren Hauptsitz. Neben Siemens und IG Farben war die HASAG der Konzern mit der höchsten Anzahl an ZwangsarbeiterInnen. Ab 1942/43 wurden in den Unternehmen oder in unmittelbarer Nähe KZ-Außenlager errichtet. Das HASAG-Lager in Leipzig war eines von insgesamt 27 Außenkommandos für Frauen des KZ-Buchenwald.
Im Rahmen der Ausstellung werden wir zu den Themen KZ Uckermark, Sozialpolitik, HASAG in Leipzig und Rolle der Frauen im NS Texte veröffentlichen.

Funktionalisierungen von Gedenken

Es ist notwendig, die Geschichte der Opfer des NS-Genozids zu erzählen und in Erinnerung zu halten. Erinnern soll hier nicht heißen, abgeschlossene Geschichte zu betrachten, sondern soll die Kontinuitäten der NS-Ideologie aufzeigen, und der Erinnerungsdiskurs in Deutschland muss dabei einbezogen werden. Andernfalls lässt sich eine solche Ausstellung leicht als eine ‚PR für Deutschland’ instrumentalisieren, wie die neue ‚Wehrmachtsausstellung’, die zeigen soll, wie sehr Deutschland gewillt ist, sich mit den historischen Fakten auseinander zu setzen. Nach ihrer Überarbeitung eignet sie sich besonders gut zur Schuldtilgung, weil nun nicht mehr die Kollektivschuld der Wehrmacht im Mittelpunkt steht, sondern die Verantwortung für Verbrechen individualisiert betrachtet wird, speziell wegen des zugefügten Teiles ‚Handlungsspielräume’, in dem vermeintlich faire Wehrmachtssoldaten porträtiert werden. Zentral für diese andere Interpretation des Vernichtungskriegs ist eine „Entideologisierung der Geschichte“.(2)Voraussetzung für die Individualisierung der Schuld ist eine Historisierung des Holocausts, das heißt geschichtliche Ereignisse „neutral“ aus ihrer Zeit heraus zu betrachten und eine Distanz zum untersuchten Gegenstand herzustellen.(3) Erst diese Distanz und damit einhergehend eine Relativierung und somit Verharmlosung der Schuld der Deutschen ermöglichen die Forderung eines Schlussstrichs unter die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Seit dem Historikerstreit Mitte der 80er Jahre gilt in der konservativen Geschichtsschreibung der kategorische Imperativ: Wer von nationalsozialistischen/deutschen Verbrechen reden will, darf von den ‚bolschewistischen Gräueltaten’ nicht schweigen. Dieser Relativierung durch Aufrechnung wurde spätestens seit der Machtübernahme der 68er eine andere Form der Bagatellisierung deutscher Schuld hinzugefügt. Mit der Verantwortung, die sich aus der Geschichte ergibt, wird die deutsche Beteiligung an internationalen Kriegseinsätzen gerechtfertigt.(4) Das Vokabular in der politischen und öffentlichen Debatte impliziert eine Analogie zur Shoah, im Kosovo wurde von serbischen KZs gesprochen, wahlweise werden Saddam Hussein, Osama bin Laden und Bush Ähnlichkeiten mit Hitler zugeschrieben. Einerseits soll der deutsche Faschismus als abgeschlossen gelten und die „Moralkeule Auschwitz“ im Keller bleiben, andererseits dient er als Rechtfertigung für erneutes deutsches Großmachtsstreben. Beide Richtungen stellen durch leichtfertige Vergleiche die Singularität der Shoah in Frage und klammern den antisemitischen Vernichtungswahn des völkischen Kollektivs und die kalte Vernichtungsbürokratie aus. In Abgrenzung zur Schlussstrichdebatte, Historisierung und Rechtfertigungen politischer Entscheidungen mit Auschwitz setzt ein radikaler linker Ansatz die deutschen Verbrechen und die ideologischen Kontinuitäten ins Zentrum der Auseinandersetzung und gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus.(5)

Erinnern auf gut deutsch

„Repräsentationen von Geschichte stehen in einem Land, von dessen Wunsch nach Verdrängung man weiß, gleichsam immer schon unter Verdacht.“(6) In Deutschland wird versucht, jede Form von Gedenken für ein nationales Selbstbewusstsein zu vereinnahmen. Das gilt nicht nur für jene, die einen Schlussstrich ziehen wollen, sondern ebenfalls für die, die deutsche Verbrechen anerkennen. Beide Gruppen agieren aus einem nationalen Interesse heraus, das darin besteht, Deutschland zukunftsorientiert mit seiner eigenen Geschichte zu versöhnen. Durchgesetzt hat sich ein verallgemeinerndes Gedenken, in dem Unterschiede zwischen TäterInnen und Opfern eingeebnet werden. Inzwischen zählen sich eigentlich alle zu den Opfern. Eine Identifikation wird möglich, wenn das TäterInnenkollektiv ausgeblendet wird und die deutsche Bevölkerung sich als unschuldig und unwissend oder unterdrückt und machtlos stilisieren kann. Nachdem Auschwitz grundsätzlich anerkannt ist, wird gerade in letzter Zeit das Leiden der Deutschen in und nach dem Krieg verstärkt thematisiert. Während früher nur Stimmen aus dem rechten Lager eine Anerkennung des Unrechts gegen „Vertriebene“ forderten, ist sie heute gesellschaftlicher Konsens geworden. Dank Grass, Spiegel und Guido Knopp können jetzt bedenkenlos dramatische Fluchtgeschichten über die unrechtmäßige Vertreibung erzählt werden. Außerdem werden die „Entbehrungen und Schmerzen“ ausgerechnet der Deutschen während des Krieges diskutiert; Stalingrad ist lediglich Anlass, die bewegendsten Feldpostbriefe vorzulesen, und in Dresden versammelt sich der Mob, um die Opfer und Ruinen des Alliiertenangriffs zu betrauern. Die Betonung des Schreckens nivelliert den Unterschied zwischen TäterInnen und Opfern und macht die Schuldfrage überflüssig. So soll auch bei dem Berliner Mahnmal eine innere Unsicherheit entstehen, die es allen BesucherInnen ermöglicht, die Leiden der Inhaftierten nachzuempfinden und sich mit ihnen zu identifizieren.(7) Es scheint vollbracht, was alle VertreterInnen der Debatte erfüllt sehen wollten: die Schaffung einer nationalen Identität und einer selbstbewussten Nation. Ihre Positionen treffen sich in dem Widerspruch, „nationale Identität auf einem Verbrechen aufbauen zu wollen, das jeden weiteren deutschen Nationalismus diskreditieren muss.“(8)
Diejenigen, die meinen, den Holocaust nicht zu relativieren, aber dennoch positive Schlüsse ziehen, argumentieren zynischer als jene, die den Holocaust von vornherein verharmlosen. So meinte Habermas im Zuge des Historikerstreits, dass sich „in der Kulturnation der Deutschen erst nach – und durch – Auschwitz“ universalistische Verfassungsprinzipien hätten bilden können. Er glaubte eine „Chance, die die Katastrophe auch bedeuten könnte“, zu erkennen und versuchte durch zweifelhafte Konstruktionen wie der „postkonventionellen Identität“, eine deutsche nationale Identität zu schaffen, die darin bestehen soll, dass es eben keine gebe; er stellte den Pluralismus als Lösung dar.(9)
Weiterhin wird die Auffassung vertreten, dass der 2.Weltkrieg erst die europäische Staatengemeinschaft ermöglichte. Diese These ist beispielsweise ein zentrales Element des Gründungsmythos‘ der EU. Im Zusammenhang mit der Verabschiedung der Europäischen Verfassung wurde der 9. Mai als EU-weiter Europatag festgeschrieben. An diesem Datum wurde 1950 in Paris die Schuman-Erklärung abgegeben, die die Pläne zur Montanunion vorstellt und als Beginn eines gemeinschaftlichen Europas angesehen wird. Zufällig ist dieses Datum sicherlich nicht gewählt. Auf den offiziellen EU Seiten heißt es zum Europatag und der Entstehung der EU: „In Europa leben seit Jahrhunderten Völker zusammen, die sich ihrer gemeinsamen Herkunft und ihrer kulturellen Verwandtschaft bewusst sind. Über Jahrhunderte haben sie sich als Nachbarn ergänzt und zusammengehörig gefühlt. Aber ohne feste Regeln und überstaatliche Einrichtungen konnte dieses Bewusstsein allein die Katastrophen nicht verhindern. Noch heute sind bestimmte Länder, die nicht zur Europäischen Union gehören, vor schrecklichen Tragödien nicht sicher.“(10) Eindeutig wird hier versucht eine gemeinsame europäische Leidensgeschichte/ Opfergeschichte zu schreiben, der Nationalsozialismus als Katastrophe kodiert, die über die kulturellen Völker hereingebrochen ist. Diese neuere Entwicklung im gesellschaftlichen Diskurs über den Zweiten Weltkrieg, die Europäisierung des Leidens, trägt weiter dazu bei, den Unterschied zwischen Opfern und deutschen TäterInnen in den Hintergrund zu schieben. Den Deutschen kommt dieser Feiertag gerade recht, lenkt er doch vom 8. Mai als Tag des Sieges über Deutschland ab oder ermöglicht eine Verbindung des 2. Weltkriegs mit der Entstehung der EU.
Auch die DDR interpretierte in die Vernichtung von über 6 Millionen Menschen etwas Positives. Sie wähnte sich auf der guten Seite und sah sich in der Tradition der antifaschistischen KämpferInnen. Diese ermöglichten mit Hilfe der Sowjetunion erst einen deutschen sozialistischen Staat. Zum Beispiel lautete das „Gelöbnis der deutschen Jugend“ anlässlich des 10. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Ravensbrück: „Der Strom Eures Blutes floss jedoch nicht vergebens. Er vereinigte sich mit dem Blut der ruhmreichen Helden der Sowjetarmee, die unser Volk und die Völker Europas vom Joch des Hitlerfaschismus befreiten. Die Völker der Sowjetunion stehen heute neben uns als unsere besten, teuersten Freunde. Neben uns steht auch Ihr, Ihr tapferen Mütter, mahnend und stärkend.“(11)
Diese Rhetorik weist zusätzlich auf die stereotypen Geschlechterbilder des Gedenkens hin, die Frauen werden auf eine soziale Rolle reduziert, sie sind lediglich erziehende Mütter, aber keine Heldinnen. Reproduziert werden die Klischees der aktiven Männer und der passiven, erleidenden Frauen, denen eine metaphorische oder symbolische Rolle zugedacht wird.
Die Metapher der Mutter und des Gebärens wird häufig herangezogen, so zum Beispiel schreibt Brecht in seinem Werk „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ über den Faschismus: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“(12) Während hier die Mutter das Böse gebärt, befriedigen die Bilder des Mütterlichen ansonsten zumeist das Bedürfnis nach „nationaler Unschuld“.(13) Die nächste Generation steht für einen schuldfreien Neuanfang, der Wunsch nach einem „unbefleckten“ Nationalismus wird in den Mutter/Kind Darstellungen deutlich. Der Mutterkult des Gedenkens gipfelte in der Wahl der Käthe Kollwitz-Plastik „Mutter mit ihrem toten Sohn“ als Mittelpunkt der zentralen deutschen Gedenkstätte, der Neuen Wache in Berlin. „Das dargestellte mütterliche Leiden liefert ein Identifikationsangebot, das es den BetrachterInnen erleichtert, sich als trauernde Mitopfer wahrzunehmen.“(14) Jenseits der symbolischen Ebene werden die verfolgten und ermordeten Frauen kaum in das Gedenken einbezogen. Die Heldinnen des westdeutschen Diskurses sind die Trümmerfrauen, und für die Nationenkonstruktion der DDR sind die Widerstandskämpferinnen relevant. Doch auch sie werden als wehrlose Opfer repräsentiert, Widerstandskämpfer hingegen als Helden. So lauten Widmungen auf Kränzen anlässlich des 40. Jahrestages der Befreiung der Lager in Buchenwald und Sachsenhausen: „Den Opfern der Hitlerbarbarei, den Helden des antifaschistischen Widerstandes zum ewigen Gedenken.“ „Den Heldensöhnen des Sowjetvolkes, den aufrechten antifaschistischen Kämpfern, den Opfern der Hitler-Tyrannei zum Gedenken.“ In Ravensbrück wurde jedoch mit dem Spruch: „Den mutigen Frauen des antifaschistischen Widerstandes, den wehrlosen Opfern der faschistischen Bestie zum ewigen Gedenken.“ an die Befreiung erinnert.(15) Während bei den Männern das Rationale und Intentionale im Mittelpunkt steht, tragen der Zusatz „wehrlos“ und der dämonisierende Begriff „Bestie“ zu einer emotionalisierenden Verstärkung des Opferstatus der Frauen bei.
In der DDR und der BRD kamen Frauen unterschiedliche Funktionen innerhalb des Gedenkdiskurses zu, die vermittelten Frauenbilder waren jedoch mit der jeweils folgenden Ideologie übereinstimmend.

Eine Ausstellung und mehr

Unser Anliegen ist es, mit der Ausstellung an die Mädchen und Frauen aus dem KZ Uckermark zu erinnern. Die Ausstellung zeigt einen Ausschnitt des nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungswahns. Um möglichen Verkürzungen und Vereinfachungen, die sich aus der Form einer Ausstellung ergeben, entgegen zu wirken, bieten wir Informations- und Diskussionsveranstaltungen zu den Themen: Erinnerungspolitik, Frauen als Täterinnen im Nationalsozialismus und die Frauenforschung, Sozial- und Fürsorgepolitik und der HASAG in Leipzig an. Diese sollen zusammen mit den veröffentlichten Texten den linksradikalen Kontext, in dem wir die Ausstellung zeigen, verdeutlichen.

Literaturliste

Brecht, Bertolt: Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui. in: Ders: Werke. Bd. 7, Berlin/ FfM 1991, S. 8-115.
cehka: Abgearbeitet. in: Diskus, 2.02, S. 9-15.
Eschebach, Insa/ Jacobeit, Sigrid/ Wenk, Silke (Hg.): Gedächtnis und Geschlecht. Deutungsmuster in Darstellungen des nationalsozialistischen Genozids. FfM 2002.
Eschebach, Insa: Heilige Stätte – imaginierte Gemeinschaften. Geschlechtsspezifische Dramaturgien im Gedenken. in: Dies: a.a.O., S.117-133.
Klarenbach, Viola/ Höfinghoff, Sandra: „Wir durften ja nicht sprechen. Sobald man Kontakt suchte mit irgendjemandem, hagelte es Strafen“. Das ehemalige Konzentrationslager für Mädchen und junge Frauen und spätere Vernichtungslager Uckermark. Berlin 1998
Kunstreich, Tjark: Ein bisschen Krieg, in: Jungle World, 49/2000 (29.11.2000).
Lenz, Claudia/ Schmidt, Jens/ von Wrochem, Oliver: Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die NS-Vergangenheit. Münster 2002.
Morgenthau-Plenum: Dialog der Generationen. in: Jungle World, 11/2001 (07.03.2001).
Rhein Zeitung: Mehrheit für Holocaust Gedenkstätte. (Ausgabe vom 25.6.1999).
Wenk, Silke/ Eschebach, Insa: Soziales Gedächtnis und Geschlechterdifferenz. Eine Einführung. in: Dies: a.a.O., S.13-35.
Wippermann, Wolfgang: Räume ohne Rechte. in: Jungle World, 50/2001 (05.12.2001).

Fußnoten

(1) Klarenbach/ Höfinghoff, S.10.
(2) Kunstreich: „Ein bisschen Krieg“.
(3) Wippermann „Räume ohne Recht“.
(4) vgl. die berühmt-berüchtigten Äußerung des Kriegsministers, dass der Krieg gegen Jugoslawien nicht trotz, sondern wegen Auschwitz geführt werde.
(5) Eine gute Zusammenfassung der Etappen der „Vergangenheitsbewältigung“ findet sich in: Diskus, Nr. 2/02, S. 9-15.
(6) Wenk/ Eschebach S. 15.
(7) www.holocaust-mahnmal.de
(8) Morgenthau-Plenum: Dialog der Generationen.
(9) ebd.
(10) http://europa.eu.int/abc/symbols/9-may/euday_de.htm
(11) Zit nach Eschebach S.125. Vgl. auch die positive Bezugnahme in: „Heiliges Land ist das Fleckchen von Ravensbrück geworden […] durch die Asche der Frauen, die die Erde düngte für die neue Saat, die aus ihrem Opfertod hervorging. Die Ernte aus jener Saat von Blut und Leid kann nur eine glückliche und befreite Welt sein.“ aus: Die Freiheit vom 14.9.1949, zit. nach Eschebach S.120.
(12) Brecht, S. 112.
(13) Lenz, von Wrochem, Schmidt, S. 109.
(14) ebd., S. 110.
(15) Eschebach, S.123f.