Autor: admina

  • gegen den kirchentag – Redebeitrag


    Gegen den Kirchentag 2022 – Von wegen Nächstenliebe

    Redebeitrag

    Nächstenliebe ist euer Glaubensgrundsatz, ein grundlegendes Element eurer Praxis. Doch geht eure Liebe nicht weiter als eure eigene Vorstellung von Norm, Recht und Ordnung. Ihr widersprecht euch wenn ihr Nächstenliebe predigt und gleichzeitig denjenigen die Liebe verweigert, die sich mehr Selbstbestimmung wünschen, die ihre Vorlieben und Identitäten ausleben und nicht unterdrücken und hinter einer scheinheiligen Fassade verstecken wollen.

    Eure Liebe hat keinen Raum für Abweichung und Diversität. Eure Nächstenliebe zieht eine Grenze, sobald Menschen aus eurer Norm ausbrechen. Sobald sie nicht den Traum einer traditionellen Kleinfamilie hegen. Eure „Liebe“ kotzt uns an.

    Die Würde des Menschen beschreibt ihr als wesentliches Element eures Handelns. Doch sprecht ihr denjenigen Menschen die Würde ab, die sich mehr Freiheit wünschen. Freiheit ist auch, nur dann ein Kind zu bekommen wenn man es selber möchte. Sich entscheiden zu können das eigene Leben so zu führen wie man es sich wünscht. Das ist doch selbstverständlich – oder Leben wir noch im Mittelalter? Ihr wollt Leben schützen, doch zerstört die Leben der Menschen, die nicht in eure Vorstellung von richtigem Leben und Familie passen. Das sich Rechte wie die AFD und der Verein Lebensrecht Sachsen, die auch vor Holocaust Vergleichen nicht zurück schrecken bei euch wohl fühlen wundert uns nicht – für euch ist das anscheinend auch kein Problem, sonst wären Sie kein Teil eurer Woche gegen – pardon – für das Leben.

    Ihr alle, die ihr euch in eurer Institution der Kirche gemütlich eingerichtet habt, die ihr Werte verbreiten wollt, die Frauen ihre Selbstbestimmung über ihren Körper und ihr Handeln nehmen; die LGBTQI keinen Raum für ihre Persönlichkeit gibt und aus den eigenen Kreisen ausschließt. Eure Toleranz und Übereinstimmung mit dem rechten Spektrum sind menschenfeindlich, sind frauenfeindlich, sind reaktionär. Ihr schweigt wieder, ihr schaut weg, wie ihr es schon immer getan habt: bei den tausendfachen sexuellen Missbräuchen in euren Institutionen, bei den Entlassungen geouteter Mitarbeiter*innen, bei den verweigerten Abtreibungen in euren Krankenhäusern.

    Seit euch bewusst, euer Altherrenclub der einen alten muffigen Mantel des Schweigens über alles legen will was nicht in euer Selbstbild passt und die die Freiheit und die Selbstbestimmung anderer aktiv einschränkt, ist zum Scheitern verurteilt.

    Seit euch auch bewusst, dass alles was ihr zu verdrängen versucht in unserer Gesellschaft existiert und existieren wird. Auch morgen wird eine Frau wieder abtreiben oder sich für ein Kind entscheiden. Auch morgen werden Menschen weiter aus der Kirche austreten. Auch morgen wird an einem Küchentisch irgendwo in diesem Land das schweigen gebrochen. Und das ist gut so.

    Amen.

  • Alles Teil des Systems

    Dieser Text ist 2007 in der vom Antisexismus Bündnisses Berlins herausgegebenen Broschüre „As.ism_2“ erschienen und ist die gekürzte und überarbeitete Version des Textes „Sexismus –Vom Allgemeinen zum Besonderen“ (2001).

    Das Geschlechterverhältnis war und ist Transformationen unterworfen, die Situation von Frauen
    hat sich verbessert und der soziale Handlungsrahmen für Männer erweitert, aber immer noch ist
    das Verhältnis ein hierarchisches. Schließlich haben gesellschaftliche Veränderungen zwar zu
    einer formellen Gleichbehandlung der Geschlechter z.B. bei den Zugangsmöglichkeiten zu Bildung
    und Politik geführt und inzwischen besteht auch für Frauen die Möglichkeit, in der Sphäre der
    gesellschaftlichen Öffentlichkeit zu wirken, aber ökonomische, berufliche, soziale und private
    Geschlechterzuweisungen existieren weiterhin. (mehr …)

  • Keine Kerze für Deutschland

     

     

     

    KEINE KERZE FÜR DEUTSCHLAND

     

    09.10.2008: Mit Kerzen, Lampions und Gebeten feiert Leipzig zum wiederholten Mal sich selbst

    und seinen Ruf als „HELDENSTADT“. Erneut bestätigen sich die Ostdeutschen gegenseitig ihre

    Friedfertigkeit, ihr Streben nach Freiheit, ihren Willen zur Demokratie und – in erster Linie – ihren

    Stolz, Deutsche zu sein. Schließlich waren es (im hiesigen Verständnis) allein die EinwohnerInnen

    dieser Stadt, die im Oktober 1989 „NATIONALGESCHICHTE GESCHRIEBEN [HABEN] UND DEN WEG ZUR EINHEIT DEUTSCHLANDS FREI“ [machten] . Am 3. Oktober 1990 hatten sie endlich ihr Ziel erreicht: Die deutsche Volksgemeinschaft wurde wiedervereinigt.

    Auch wenn sich einige DDR-WiderständlerInnen nicht vorrangig die deutsche Wiedervereinigung

    zum Ziel setzten, sondern prinzipielle Kritik am DDR-Regime übten, ist sicher, dass der größte Teil

    der 70.000 am 9. Oktober 1989 in Leipzig Demonstrierenden für Bananen, Mallorca-Urlaub und die

    Einheit Deutschlands auf die Straße ging. Während die ursprüngliche Losung „WIR SIND DAS

    VOLK“ noch Kritik am fehlenden Mitbestimmungsrecht der DDR-Bevölkerung ausdrückte, war dervölkische Inhalt des allgegenwärtigen „WIR SIND EIN VOLK“- Rufes eindeutig und

    unmissverständlich.Sicherlich kritisierten damalige Oppositionelle auch das „DDR-UNRECHTSYSTEM“, welches sichv.a. in fehlender Demokratie ausdrückte. In der Mehrheit wurde der Begriff „UNRECHT“ jedoch aufdie vermeintlich unrechtmäßige Teilung Deutschlands bezogen. Die Schuld der Deutschen am 2.Weltkrieg und der Ermordung von 6 Millionen Juden und Jüdinnen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern spielte hierbei keine Rolle. Dass es angesichts des von Deutschen begangenen Zivilisationsbruches kein normales Deutschland geben kann und die Teilung damitdie richtige Konsequenz aus deutschen Verbrechen sein musste, wurde und wird völlig ausgeblendet. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, eine Annahme von Schuld und Verantwortung für die Shoa hat im Oktober 89 nicht stattgefunden. Stattdessen wurde im Zuge der deutschen Wiedervereinigung die Etablierung eines „GANZ NORMALEN“ Deutschlands gefordert, in dem Stolz auf die eigene Nation und deren Geschichte völlig natürlich ist. Man besann sich wieder auf das „WIR-GEFÜHL“ der deutschen Volksgemeinschaft. Dass dieses im Herbst 89 skandierte, vermeintlich allumfassende „WIR“ eben nicht alle in Deutschland lebenden BürgerInnen umfasst, zeigte sich recht schnell: Die Deutschen wollten in ihrer wiedergewonnenen Heimat unter sich bleiben und das machten sie unmissverständlich klar. Überall im neuen Deutschland waren fremdenfeindliche Parolen zu hören, es brannten Flüchtlingsheime und MigrantInnen waren verbalen und körperlichen Angriffen ausgesetzt. Diese Taten gehen nicht auf das Konto vereinzelter „FEHLGELEITETER“ Nazis – vielmehr war sich das EINE deutsche Volk in seinem Vorgehen einig: Als 1992 ein Brandanschlag auf das Asylbewerberheim in Rostock- Lichtenhagen verübt wurde, beklatschten dies nicht nur vereinzelte „FEHLGELEITETE“ Nazis, sondern vorwiegend die „GANZ NORMALEN“ deutschen

    AnwohnerInnen. Völkisch-rassistischer Konsens und rassistische Pogrome wurden zum ersten

    Erkennungsmerkmal dieser neuen deutschen Republik.

    Dass Rassismus und Antisemitismus auch im heutigen Deutschland allgegenwärtig sind, ist somit

    nicht verwunderlich. So scheuen sich (vor allem Ost)deutsche immer weniger, ihre völkische

    Gesinnung auch in ihrem Wahlverhalten zu offenbaren oder gemeinsam mit Nazis gegen Hartz IV

    beziehungsweise gegen „KINDERSCHÄNDER“ zu demonstrieren. Nationalstolz und Aufgehen in der Volksgemeinschaft sind mittlerweile Konsens im wiedervereinten Deutschland. Rassismus und

    Antisemitismus sind tief in der Mitte der Gesellschaft verankert – und dies nicht zuletzt dank der

    Ereignisse im Oktober 1989. Ein unreflektierter, ausschließlich positiver Bezug – wie er dieser

    Wochen in Leipzig zelebriert wird – kann daher nur abgelehnt werden. Am 9. Oktober gibt es

    keinen Grund zu feiern!

     

    AFBL Antifaschistischer Frauenblock Leipzig, Oktober 2008

     

     

     

  • Scham und Verantwortung – ein Rant

    Dieser Text ist für „Scham und Spalte stürzen das Patriarchat – 100 gute Gründe, rot zu werden“ – Die feministische Gala 2023 entstanden und wurde von uns dort vorgetragen. In dem Text wollten wir, nach einer langen Phase feministischer Theorie über Geschlecht und Kapitalismus, einfach mal über alles und jeden ranten – und haben diesen Text deshalb bewusst überspitzt formuliert. Viel Spaß beim Lesen.

    Als wir über das Thema Scham nachgedacht haben, haben wir schnell an Männer gedacht. An Männer, die nach Vorträgen eine Frage stellen wollen, dann aber doch einen eigenen Vortrag über ihr Verständnis des Themas halten. An Männer, die in jedem Uni-Seminar dasselbe Marx-Zitat inklusive Seitenanzahl an egal welcher Stelle bringen. An Männer, die pöbeln, breitbeinig in der S-Bahn sitzen und uns gerne und häufig erklären, wie das mit der Technik so funktioniert. An die „feministischen“ Väter, die dann doch nicht in Elternzeit gehen.

    Ihr habt vielleicht bemerkt, dass wir an Fremdscham dachten und nicht an unsere eigene. Wir waren uns aber schnell einig, dass wir keine Lust haben, uns für irgendwelche Männer zu schämen und dachten, es wäre doch netter, wenn wir uns für uns selbst schämten. Schließlich können wir nach Vorträgen auch ungefragt unsere eigenen Theorien zum Besten geben, Marx-Zitate auswendig lernen und unseren männlichen Freunden erklären wie ein Motor funktioniert – ungefragt natürlich.

    Uns ist schon klar, dass es hier besser ankommen würde, wenn wir nun über schambehaftete Weiblichkeit sprechen und den Männern die Schuld dafür geben würden. Aber to be honest: haben wir nicht vor. Sondern sprechen heute alle an, die als Frauen leben und sagen euch: move your ass! Wenn wir uns für uns selbst statt für Männer schämen wollen, müssen wir auch etwas dafür tun!

    Zu oft erleben wir Situationen, in denen sich Frauen über Ausformungen des Patriarchats aufregen und ihnen trotzdem folgen, obwohl wir keine Gründe dafür erkennen können – na ja, dass wir keine Gründe kennen, ist natürlich überzogen. Wir wissen genau, was eine weibliche Sozialisierung mit uns machen kann. Wir kennen das Gefühl aus den verschiedensten sozialen Kontexten eine Wohlfühloase schaffen zu wollen, ein Raum in der alle zu Wort kommen, sich gut und gesehen fühlen. Unangenehme Stille können wir mit eloquenten und klugen Fragen füllen, auf die Männer einsilbig und ohne Rückfragen antworten können.

    Ja, wir kennen das gut. Doch appellieren wir hier ans Aushalten der unangenehmen Stille. Daran, aus der eigenen Rolle herauszutreten und sich an all die Frauen zu erinnern, die vor uns aus den Rollen herausgetreten sind, die das Patriarchat für sie vorgesehen hat. Durch sie können wir heute hier stehen, in Hosen und ohne einen Mann um Erlaubnis gebeten zu haben. Wir appellieren daran, aus dem Aufregen über patriarchale Strukturen und Gegebenheiten Taten folgen zu lassen. Und daran zu überlegen, ob alle Ausformungen der Strukturen, über die wir uns so gerne aufregen, unser Leben tatsächlich so stark bestimmen.

    Ein beliebtes Thema ist beispielsweise der unordentliche männliche Mitbewohner, der wohl in dem Glauben lebt, dass sich das Geschirr von selbst abspült und die Dusche immer sauber bleibt. Durch was sollte sie auch dreckig werden, wenn man sich selbst darin wäscht? Wer kennt ihn nicht. Klar, das nervt. Und das führt durchaus dazu, dass man die einzige Person in der WG ist, die die Dusche putzt. Doch ganz ehrlich? Niemand zwingt uns dazu, das zu machen. Lasst es einfach, hört auf, euch zu kümmern! Schließlich folgen weder ökonomische noch soziale Repressionen, also was habt ihr zu verlieren? Außer vielleicht euren Mitbewohner. Kümmern ist ja generell ein Thema, das seit Jahrzehnten hitzige Debatten nach sich zieht. Und so richtig hitzig wird es, wenn Kinder ins Spiel kommen. Doch jetzt mal Tacheles. Im besten Fall kennen wir die Männer, mit denen wir Kinder bekommen vorher ganz gut, oder? Wir wissen, wie viel sie im Haushalt machen, ob sie sich kümmern, wie sie über ihre Gefühle reden – oder erwarten wir mal nicht zu viel – ob sie ihre Gefühle und Emotionen wahrnehmen können. Ist Frau dann wirklich so überrascht, dass er so wenig macht, sobald Kinder da sind? Überhaupt kann man sich natürlich darüber aufregen, dass er weder für die Kinder kocht noch mit ihnen zum Arzt geht. Aber mal ehrlich, wer denkt denn wirklich, dass der Vater des Kindes ernsthaft sein eigenes Kind verhungern lässt, es vergisst oder verliert?

    Und btw: Jungs, wenn ihr auf euer Kind aufpasst, sprecht bitte nicht vom Babysitten. Es ist euer Kind! Wir haben das Gefühl, dass patriarchaler Zwang nicht der einzige Grund ist, warum Frauen sich mehr kümmern. Wir stellen die These auf, dass es für viele auch schwer sein kann, Kontrolle abzugeben. Dass es sich gut anfühlt, verantwortlich zu sein und gebraucht zu werden. Und dass es schwer ist, dieses Gefühl abzugeben. Vielleicht hat diese Kontrolle oder dieser – leider ökonomisch wie gesellschaftlich abgewertete – Machtbereich, der Kind und Küche umgibt, auch etwas mit dem eigenen Selbstwert zu tun. Vielleicht ist der Gedanke unangenehm, doch denken wir, dass er sich lohnt. Und wenn wir schon dabei sind, ehrlich zu sein. Was wir in dieser ganzen Debatte um Care-Arbeit schon immer mal loswerden wollten: Kuchenbacken ist keine Care-Arbeit. Entweder ich backe, weil es gerne mache oder ich lasse es und kaufe halt einen Kuchen, wenn ich denke, dass es nötig ist. Verantwortung rund um Hausarbeit und Erziehung abgeben heißt Kapazitäten zu haben, um an anderer Stelle Verantwortung zu übernehmen. Zeit zu haben für andere Projekte und Räume. Zeit, Texte zu lesen, sich zu informieren, zu streiten, Zeit, um von der feministischen Geschichte zu lernen und daraus auszubrechen. Wir hier, in unserer kleinen Bubble, können uns Räume nehmen, von denen Frauen in einem anderen Jahrhundert noch nicht einmal träumen konnten. Wir haben weit mehr als nur ein Zimmer für uns allein. Sich diese Räume nicht zu nehmen, ist okay – wenn man sie denn nicht möchte. Aber wer will, sollte zugreifen, statt sich nur darüber zu beschweren, dass die Männer wieder allen Raum eingenommen haben. Alle, die sich hier als Frauen verstehen: Nehmt euch ernst und setzt euch als Subjekt. Und klar gibt es misogyne Strukturen but don`t let your problems become excuses.

    Vielleicht hat die ein oder andere jetzt das Gefühl, wir sind ihr auf den Schlips getreten. Wir sind doch alle Frauen und das Patriarchat meint es schon nicht gut mit uns, warum muss der afbl jetzt noch so auf uns rumhacken? Wollen wir nicht, aber wir nutzen diese Bühne, um unserem Frust Raum zu lassen und etwas unbequem zu sein. Weil wir, obwohl wir eine Frauengruppe sind, nicht dafür da sind, dass sich alle wohl und behaglich fühlen. Wir wollen uns unserer Sozialisierung nicht beugen. Schließlich erwarten wir auch von Männern, dass sie sich mit ihrer Rolle im Patriarchat auseinandersetzen und ihre Männlichkeit auf ein Minimum runterschrauben, also sollten wir nicht aufhören unsere eigene Sozialisierung genauso zu hinterfragen und darüber hinauszuwachsen. Wir sind nicht nur die Opfer des Patriarchats ohne Handlungsmacht. Wir sind Subjekte.

  • FIGHT FOR YOUR FUTURE DEMONSTRATION 01.06.2021

    Redebeitrag

    Am Samstag, den 15.05 fand auf dem Leipziger Augustplatz eine pro-palästinensische Demonstration statt. Dort wurden antisemitischen Parolen skandiert, die israelsolidarische Gegendemonstration angegriffen und im Nachgang Personen, die  Israel Flaggen bei sich trugen attackiert. Die Stadt Leipzig, die einst als Hochburg der Antideutschen galt, wird nun in der Innenstadt mit „free palestine“ – Plakaten geflutet. Auf Spontandemos und Kundgebungen rufen Teilnehmer/innen judenfeindliche Sprüche wie „Kindermörder Israel“ oder wünschen sich eine Welt ohne Israel zB mit dem Spruch „Palestine is free from the river to the sea“. Auch der wöchentliche Samstagsmarkt auf der Eisenbahnstraße war dementsprechend plakatiert. Autokolonnen mit schreienden Männern fuhren mit Palästinensischen Flaggen durch den Leipziger Osten. Und auch in Connewitz wurden israelsolidarische Plakate übermalt.
    Im Kern des ganzen sogenannten Protests steht die Delegetemierung und Dämonsierung des Staates Israel, die zunehmend offen artikuliert werden bis hin zu gewalttätigen Übergriffen auf Jüdinnen und Juden. Die Staatspolitik Israels wird  mit dem gesamten Judentum gleichgesetzt.
    Wer waren die 400 Personen auf der israelfeindlichen Demo am Augustplatz? Biodeutsche Studenten? Warum ist es für viele Leipziger Linken so schwer zu akzeptieren, dass migrantische Personen antisemitisch sein können? Es ist kein neues Phänomen, das sich hier zeigt. Die Eisenbahnstraße war auch schon vor der Demo am Samstag mit palästinensischen Stickern voll. Antisemitismus in muslimischen, türkischen und arabischen communities ist anscheinend für viele Linken ein blinder Fleck. Die Gegendemonstration hätte eine deutlich größere Mobilisierung erfahren, wenn sich die üblichen Neonazis auf dem Augustplatz versammelt hätten.Der Kampf gegen Antisemitismus, auch in Form des Hasses auf Israel, sollte linker Konsens sein, ist er aber leider nicht. Das Tragen des Palituchs als linker Code ist dafür ein Beispiel. Der Staat Israel wird allzuoft als Projektion genommen, um sich gegen Jüdinnen und Juden zu äußern. Die menschenverachtende Hamas gar als Kämpfer für eine Freiheit gesehen. Was für eine Freiheit soll das sein? Immer wieder tolerieren Linke Antisemitismus – besonders aus islamischen Communities.
    Migrantinnen, die von deutschen Linken so romantisiert, paternalisiert und dadurch abgewertet werden, gehen auf die Straße und sprechen Israel das Existenzrecht ab. Viele deutsche Linke sehen Migrantinnen als ihre Schutzbefohlenen an und behandeln sie wie kleine Kinder, die es einfach nicht besser wissen können. Die Personen, die am 15.05 in der Leipziger Innenstadt antisemitische Parolen riefen sind jedoch Erwachsene, die für ihre Handlungen Verantwortung tragen. Sie sind in der Lage sich politisch zu organisieren und zu demonstrieren. Eine antifaschistische Linke hat die Aufgabe niemanden rassistisch zu entmündigen, sondern den Kampf gegen jeden Antisemitismus voranzutreiben.
    Wer sagt, dass Antisemitismus in Deutschland keine Platz hätte, lügt, dabei nimmt Antisemitismus in Deutschland einen riesigen Raum ein. Gegen Israel zu sein, ist deutscher Mainstream. Jude wird als Schimpfwort benutzt. Jüdinnen und Juden werden alltäglich angegriffen. Holocaust Mahnmale werden mit Hakenkreuze beschmiert, wie zuletzt das Mahnmal in der Gottschedstraße zwei Tage vor der Demo. Eine Linke, die etwas auf sich hält, muss dagegen kämpfen und Israel als legitimen, jüdischen Staat, als Zufluchtsort vor antijüdischer Gewalt gegen die aktuellen Angriffe in Deutschland verteidigen. Antisemit/in ist, wer sich judenfeindlich äußert – egal was seine oder ihre Herkunft ist. Wir als radikale Linke in Deutschland dürfen zu Antisemitismus niemals schweigen.
    Free Gaza from Hamas!

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  • Kopftuch als System


    KOPFTUCH ALS SYSTEM

    EINLEITUNG ZUR VERANSTALTUNG MIT FATHIYEH NAGHIBZADEH AM 04.10.2006 IM CONNE ISLAND

    Die Diskussion über Unterdrückung von Frauen im Islam hat in den vergangenen Jahren an medialer Präsenz gewonnen und wird in einem breiten gesellschaftlichen Kontext wahrgenommen und diskutiert. Die Rolle der Frauen, die nur in Abhängigkeit zu Männern gedacht und nur in ihrer Mutterrolle geachtet werden, wird vermehrt kritisiert. Zum einen liegt dies an der öffentlich geäußerten Kritik betroffener Frauen. Zum anderen vermehrte sich angesichts des Terrorismus nach dem 11. September die Kritik am Islam als zunehmende Bedrohung für die westliche Gesellschaft. Die Debatte in der deutschen Öffentlichkeit ist allerdings nicht nur deshalb so breit und heftig, weil sich so viele Menschen für die Rechte der Frauen interessieren und diese stärken wollen, sondern weil ein Pauschalbild der unterdrückten islamischen Frau auch vielfältige Funktionen in der Integrationsdebatte sowie in dem Entwurf deutscher Identität einnehmen kann. Die Publikationen Necla Keleks über Zwangsverheiratung, Seyran Ates öffentliche Auftritte als Anwältin von patriarchaler Gewalt betroffener muslimischer Frauen und die Veröffentlichungen der Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali – all diese Aktivitäten führten dazu, dass Unterdrückung von Frauen im Islam nicht länger nur als Einzelfälle abgetan, sondern als dem Islam innewohnendes strukturelles Element bezeichnet werden. Das öffentliche Agieren dieser Islamkritikerinnen zeigt auch die Grenzen der Diskussion und der politischen Unterstützung auf. Nämlich dann, wenn diese Frauen nicht mehr die ihnen zugestandene Opferrolle erfüllen, sondern sich als politische Subjekte artikulieren. In einem antirassistischen Spektrum herrscht vielfach die Auffassung vor, sich um MigrantInnen kümmern zu müssen. Ihre Rolle bleibt auf die des Opfers beschränkt. Die Beteiligung von bspw. Necla Kelek und Seyran Ates an der Integrationsdebatte wurde hier nicht auf inhaltlicher Ebene diskutiert, sondern Kritik wurde vorwiegend an der vermeintlichen Vereinnahmung durch LeitkulturideologInnen geäußert. So als wären die beiden Frauen keine politischen Subjekte, die wissen, was sie tun. Ein Beispiel für diese Vereinnahmungsthese stellt der Taz Artikel „Frau der weißen Männer“ vom Mai dieses Jahres dar. Zur Ausreise Hirsi Alis schreibt Ulrike Herrmann: Die niederländische Rechte [verliert] ihre Kronzeugin, dass der Islam eine rückständige Religion ist, die die Frauen unterdrückt. Bei weißen Männern war diese These sehr beliebt; Musliminnen hingegen konnten noch nie viel mit ihrer selbst ernannten Retterin anfangen.1

    Die Diskussion um das Asylverfahren von Hirsi Ali zeigt allerdings auch, wie weit MigrantInnen in ihren politischen Äußerungen gehen dürfen. Hirsi Alis Eintreten für eine liberalisierte Einwanderungspolitik war in ihrer konservativen Partei, der VVD, nicht gerne gesehen. Ein Zuviel an politischer Kritik wird geahndet. Hier zeigt sich, wie vorherrschend der Assimilationsgedanke ist, der sich z.B. auch in der Forderung nach einem allgemeinen politischen Betätigungsverbot für MigrantInnen widerspiegelt. Schon mit dem Aufkommen der Kopftuchdebatte und der radikalen Verfechtung von Frauenrechten und Befürwortung eines Kopftuchverbotes in der feministischen Zeitschrift „Emma“ wurde eine weitere Grenze der Auseinandersetzung und politischen Unterstützung klar abgesteckt. So wird von antirassistischen Linken die Benennung der im Islam strukturell angelegten Gewalt an Frauen verstärkt als ethnozentrisch bzw. rassistisch eingestuft, da diese Kritik im Kontext einer rassistischen Mehrheitsgesellschaft formuliert wird. So kam es z.B. 19942 zu antirassistischen Protesten in den Redaktionsräumen der Emma. Die Emma wurde beschuldigt rassistisch zu argumentieren, als sie den Islamismus und die Unterdrückung der Frau strikt kritisierte. Mit der Verfassungsklage 1997 der kopftuchtragenden Fereschta Ludin gegen den Ausschluss vom Schuldienst wurde die Frage eines Kopftuchverbotes verstärkt öffentlich diskutiert. Es kam 2003 nicht zu einem generellen Verbot, sondern das Bundesverwaltungsgericht verwies die Entscheidung an die gesetzgebende Länderebene. Danach kam es vermehrt zu Stellungnahmen verschiedener gesellschaftlicher, religiöser und politischer AkteurInnen. Beispielsweise sprachen sich u.a. Marieluise Beck und Rita Süssmuth mit einem offenen Brief „Wider eine Lex Kopftuch“3 gegen angebliche Zwangsemanzipation und für religiöse Vielfalt aus. Im Februar 2004 warfen jedoch verschiedene Wissenschaftlerinnen und Publizistinnen Beck und Süssmuth eine paternalistische Position vor, die die Ablehnung des Kopftuchs eines Großteils muslimischer Frauen ignoriere. Eine häufig geäußerte feministische Position ist die, dass eine Duldung des Kopftuches die Betroffene der Entrechtung ausliefere. Noch immer zeigt sich in einem Großteil der Linken eine Abwehr, mit einer Islamkritik in die Diskussion des gesellschaftlichen Mainstreams einzusteigen. Sie verbinden damit die vermeintliche Gefahr an rechte oder rassistische Positionen anzudocken und geben sich mit einer Kritik an der eigenen islamfeindlichen Dominanzkultur zufrieden. Mit Rassismus hat die Benennung anti-emanzipatorischer Tendenzen im Islam allerdings wenig zutun, viel mehr hat dieser falsch verstandene Antirassismus erst dazu geführt, dass es lange Zeit keine öffentliche Diskussion um Zwangsverschleierung, Zwangsheirat und Ehrenmorde geben konnte. Im offenen Brief mit dem Titel „Gerechtigkeit für Muslime“, welcher im Februar diesen Jahres in der Zeit veröffentlicht und von 60 MigrationsforscherInnen unterzeichnet wurde, schreiben Mark Terkessidis und Yasemin Karakasoglu als Reaktion auf den Erfolg des Buchs die „fremde Braut“ der Islamkritikerin Necla Kelek: „Die Öffentlichkeit befasst sich unverhältnismäßig viel mit der muslimischen Minderheit, während kaum über alltägliche Diskriminierung, die Selbstentwürfe von »anderen Deutschen« oder die Probleme auch von nichtmuslimischen Migranten im Bildungsbereich gesprochen wird.“4 Der Vorwurf besteht zuallererst darin, dass sich die Autorinnen primär gegen Phänomene wie Zwangsheirat, Ehrenmorde oder Kopftuchzwang richten, anstatt die alltägliche Diskriminierung zu fokussieren. Eine inhaltliche Auseinandersetzung wird gemieden, stattdessen wird den Autorinnen vorgeworfen, im islamfeindlichen Mainstream mitzuschwimmen und diesen anzustacheln. Im oben genannten offenen Brief „Gerechtigkeit für Muslime“ schwingt nicht wenig Unmut über die eigene, leider vernachlässigte Position im gesamtgesellschaftlichen Diskurs mit. Anstatt sich jedoch mit der deutschen Integrationsdebatte auseinanderzusetzen, wird sich hier auf die Anklage gegen eine angeblich unwissenschaftliche Arbeitsweise von Frauen wie Kelek, Ates und Hirsi Ali und ihre Rolle in der Debatte versteift. So heißt es: „Dass der ehemalige Innenminister Necla Keleks Buch bespricht, dass sie für ihre in höchstem Maße unseriöse Arbeit den Geschwister-Scholl-Preis erhält und dass sie eine gern gesehene Beraterin im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ist; dass große Teile der Verwaltung, Ministerien und Medien lieber auf unseriöse Pamphlete zurückgreifen, während die differenzierte wissenschaftliche Forschung kaum wahrgenommen wird – diese Entwicklung ist in der Tat besorgniserregend. In der öffentlichen Diskussion führt die Ignoranz gegenüber der Wissenschaft nicht nur zu ungenauen und vorurteilsbeladenen Vorstellungen über den Islam und die Migranten, sondern auch zu einer Verengung des Themenspektrums.“5 Offenbar wird es hier für problematisch befunden, wenn sich Frauen mit islamischem Kontext nicht primär als Opfer der rassistischen Mehrheitsgesellschaft sehen, sondern ihre Kritik an primär gegen Zwangsheiraten, Ehrenmorde oder den Kopftuchzwang richten. Implizit werden IslamkritikerInnen damit auf ihre vermeintliche kulturelle Identität festgeschrieben, die sich zuallererst in einem Unterdrückungsverhältnis zur deutschen Mehrheitsgesellschaft verstehen solle. Gesellschaftlich verbreitet ist eine kulturrelativistisch tolerante Einstellung, die sich letztendlich auch auf Kulturen als natürliche Einheiten stützt und diese somit einer Kritik entzieht. Hier werden die genannten Probleme im Kulturvergleich heruntergespielt. Á la fremde Länder, fremde Sitten. Im gesamtgesellschaftlichen Diskurs ist die Kritik an einem gewalttätigen Sexismus in islamischen Communities tatsächlich nicht ohne eine Grundsatzdebatte um Integrationsfähigkeit von so genannten „Ausländern“, „Leitkultur“ und restriktive Einwanderungspolitik zu haben. Nicht zuletzt auch wegen ihrer kritischen Äußerungen zur Integrationsfähigkeit von MuslimInnen und der Forderung nach integrativen Maßnahmen, bezüglich geschlechterpolitischer Standards, wurden Frauen wie Kelek oder Ates zu wichtigen Diskussionspartnerinnen in der Integrationsdebatte. Aktuell waren sie als säkulare Vertreterinnen der Islamkonferenz geladen. Das Bekanntwerden um Gewaltbereitschaft islamischer SchülerInnen an der Berliner RütliSchule hatte zu einer generellen Debatte um das Scheitern deutscher Integrationspolitik geführt. Eine begrüßenswerte Debatte um gleichberechtigte gesellschaftlicher Teilhabe von MigrantInnen und dem Einsatz sinnvoller Integrationsmaßnahmen, wozu auch eine Auseinandersetzung über antiemanzipatorischen, sexistischen Tendenzen im Islam zählt, wurde zu einer Debatte um kulturelle Selbstvergewisserung. Die Gefährdung vermeintlicher deutscher zivilisatorischer Gewissheiten und Reglementierung wurde dabei in den Vordergrund gestellt. Der Titel des diesjährigen Integrationsgipfels „gutes Zusammenleben -klare Regeln“ verdeutlicht hier, wer Herr im Hause Deutschlands ist. Statt einer wünschenswerten gesamtgesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Themen wie Sexismus, Antisemitismus und Homophobie und auch mit ihrer Verankerung in islamischen Communities konnte die Frage nach Emanzipation zu einer Folie für die gesetzliche Durchsetzung leitkultureller Vorstellungen und damit einer restriktiven Einwanderungspolitik avancieren. Der in der deutschen Gesellschaft verankerte Rassismus wurde nicht zum Gegenstand kritischer Auseinandersetzung. Denn so zeigt sich laut einer Untersuchung des Bielefelders Instituts für interdisziplinäre Konflikt-und Gewaltforschung (2004) sogar für 73 Prozent der deutschen Bevölkerung, dass Muslime nicht in die westliche Kultur passen. Als ein gerne vorgebrachtes Argument dafür ist, dass die Frauen in der islamischen Religion so stark benachteiligt und misshandelt werden. Für 24 Prozent der Befragten ist sogar klar, dass Muslime erst gar nicht nach Deutschland ziehen dürften. Dies zeigt deutlich in was für einem rassistischen Klima diese Debatte geführt wird. Die Problematik eines gewalttätigen Sexismus in islamischen Communities wird nicht als ein innergesellschaftliches begriffen, sondern als etwas von außen Kommendes, „Fremdes“, das mit einem homogenen und vermeintlich emanzipierten Deutschtum als Gegenmodell nicht vereinbar ist. Dies wird in den Forderungen nach Abschiebung von Straftätern oder nach einem Einbürgerungstest deutlich. Die dringend notwendige Kritik an antiemanzipatorischen Bestrebungen wird so primär zu einer Frage der Zugangsberechtigung zur deutschen Gesellschaft, bzw. zur gleichberechtigten Teilhabe. Die Projektion von sexistischem Verhalten auf ein Außen, befördert gleichzeitig das Gefühl, ein gleichberechtigtes Geschlechterverhältnis schon realisiert zu haben. Hiesige Geschlechterhierarchien und Rollenzuschreibungen werden ausgeblendet und damit nicht mehr bekämpft. Trotz der starken Aufmerksamkeit für patriarchale Unterdrückung in islamischen Communities, steht ansonsten, sowohl im gesellschaftlichen Mainstream als auch im linken und antideutschen Spektrum die Auseinandersetzung mit Sexismus und feministischen Forderungen nicht besonders hoch im Kurs. Dieses Ungleichgewicht zeigt sehr deutlich die Instrumentalisierung der Kritik am islamischen Sexismus. Was wir deutlich machen wollen, ist dass eine Kritik am Sexismus in islamischen Communities nicht gegen eine Kritik am deutschen Rassismus ausgespielt werden darf. Sondern dass eine Position gefunden werden muss, die den rassistischen Mainstream verurteilt und die Emanzipation der islamischen Frauen unterstützt. Wir möchten besonders islamkritische feministische Positionen stärken. Unser Anliegen den Film „Kopftuch als System-Machen Haare verrückt?“ vorzuführen war es, islamische Frauen zu zeigen, die nicht als bloße Opfer dargestellt, sondern als Individuen, die mal mehr feministisch, kommunistisch oder auch künstlerisch orientiert auf verschiedene Weise Widerstand leisten. Damit wollen wir uns dem Motto des Filmes anschließen: „dass Emanzipation nicht westlich oder östlich, sondern universell. Ist.“

    AFBL Antifaschistischer Frauenblock Leipzig , erschienen in: CEE IEH #137 , November 2006

    1 Taz vom 07.05.06

    2 http://www.shabakeh.de/de/archives/individual/000812.html

    3http://www.agaby.de/kopftuch/vielfalt.pdf (http://www.agaby.de/kopftuch/vielfalt.pdf)

    4 DIE ZEIT 01.02.2006 Nr.6, http://zeus.zeit.de/text/2006/06/Petition (http://zeus.zeit.de/text/2006/06/Petition)

    5 ebd.

  • No Tears for Krauts


    [‚FAI(E)R] – NO TEARS FOR KRAUTS
    AUFRUF DES BUNDESWEITEN BÜNDNISSES 12./13.FEBRUAR 2005

    2005 Wenn sich zu den diesjährigen »Trauerfestspielen« in Dresden das deutsche Volk die Seele aus dem Leib heult, ist das für uns – Antifas und GegnerInnen Deutschlands – ein Grund zur Freude. Die Bombardierung Dresdens steht für uns für die sich abzeichnende Niederlage Deutschlands, für die demoralisierende und somit kriegsverkürzende Wirkung innerhalb der deutschen Bevölkerung und damit auch für die Rettung der wenigen verblieben Jüdinnen und Juden.

    Das Supergedenkjahr 2005 steht an und somit neben dem sechzigsten Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus auch die üblichen Rituale des »Gedächtnisortes« Dresden. Der Lauf der erinnerungskulturellen Dinge wird sich an beiden Daten nicht aufhalten lassen. Die Kontinuität der Erinnerungsabwehr, die in ihrer aktuellen modernisierten und weltoffenen Variante auch mit Schuldannahme jongliert, kann hingegen par excellance bebildert werden. Wieder wird vorrangig die Frage nach den deutschen Opfern gestellt, wieder werden unsägliche Parallelen gezogen werden, und wieder werden die Verbrechen des Nationalsozialismus eine untergeordnete Rolle spielen. Für uns wird die an diesem Tage wohl zu Hauf gestellte rhetorische Frage, »wem den die Erinnerung gehöre« bereits beantwortet sein. Wir gedenken der Jüdinnen und Juden, für die die Bomben der Royal Air Force zu spät kamen, der ZwangsarbeiterInnen, die sich bereits zu Tode geschuftet hatten und der abgeschossenen und abgestürzten B omberpiloten. Angesichts der Shoa und des deutschen Vernichtungskrieges stellt sich für uns weder die Frage nach der Traumatisierung der »deutschen Zivilbevölkerung« noch interessieren uns deren »Leidensgeschichten«. Facts and Fiction

    »Niemand war ein Nazi […] es hat vielleicht ein paar im nächsten Dorf gegeben […] die nächste Stadt ist jedoch eine regelrechte Brutstätte des Nationalsozialismus.« Keiner wusste was und eigentlich waren auch alle dagegen. Dass im nationalsozialistischen Deutschland nur eine Minderheit der Bevölkerung »richtige« Nazis waren – das zumindest bekamen britische Nachkriegsberichterstatter ständig zu hören – lässt sich zum Glück heute unmissverständlich widerlegen. Gleichzeitig mit der Befreiung vom Nationalsozialismus und der Kolportierung der Theorie, nach welcher der Nationalsozialismus Sache der Nazi-Führung und die Deutschen so unschuldig wie ihre Opfer waren, wurden die Geschichten vom Bombenkrieg zum aufpolierten Teil der deutschen Legendenbildung: Wie konnte dieses Deutschland, dass innerhalb weniger Wochen die halbe Welt unter seinen Helm gebracht hatte, den Krieg verlieren? Richtig, nur mit unfairen Mitteln: Brandbomben der Alliierten gegen die Zivilbevölkerung. Bis heute hält sich der wahnhafte Mythos vom »unmenschlichen« Gegenschlag der alliierten Luftwaffe. Angesichts der enormen Verdrängungsleistung, die nicht nur den nationalsozialistischen Alltag der Stadt ausblendete, sondern stattdessen Dresden als barocke Insel, die »raum- und zeitlos in sich ruhte«, beschrieb, ist das ein an sich enormer Vorgang. Die unter dem Label »Bombenkrieg« geführten Scheindebatten – als wären die Luftangriffe in irgendeiner Weise aus dem historischen Kontext ausklammerbar – machen gerade am Beispiel des Erinnerungsortes Dresden deutlich, wie widerlich mit den Elementen von Entkontextualisierung, falscher Begriffsbezeichnung und politischer Funktionalisierung das wahnhafte Gebilde vom unschuldigen Dresden gezeichnet ist. Der kollektive Opfertaumel geht dabei sogar soweit, selbst die Bomberverbände als »Mordkommandos« zu bezeichnen. Damit werden BefreierInnen und TäterInnen auf eine Ebene gestellt.

    Angesichts solcher »interpretatorischer Freiräume« gilt es die Notwendigkeit des alliierten Angriffs auf Dresden stark zu machen. Dem Begriff der militärischen »Sinnlosigkeit« ist die Richtigkeit auch flächendeckender Bombardements entgegenzuhalten, denn sie symbolisieren das Ausschöpfen aller Möglichkeiten, dem Nationalsozialismus ein Ende zu bereiten. »Zynisch, menschenverachtend und inhuman« sind im Zusammenhang mit den Bombardements vom 13./14. Februar 1945 durchaus angebrachte Attribute – für die Dresdner Bevölkerung, ihre Unwilligkeit um die Opfer des Nationalsozialismus zu trauen und für die neudeutsche Erinnerungskultur, die es schafft, Dresden, Auschwitz und Zivilisationsbruch in einem Satz zu sagen, ohne rot zu werden. In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 griff die Royal Air Force die Elbestadt Dresden an. Neben wichtiger infrastruktureller Anlagen in den Bereichen Verwaltung, Transport und Kommunikation befanden sich in Dresden insbesondere militärische Ziele, Waffenproduktionsstätten sowie starke Truppenstationierungen. Dresden galt als Knotenpunkt der die Rote Armee bekämpfenden deutschen Divisionen. Wie andere deutsche Städte auch war Dresden Sammelpunkt für Transporte von Jüdinnen und Juden in verschiedene Vernichtungslager. In zwei Angriffswellen warfen britische Maschinen ihre Bomben ab und zerstörten große Teile der Dresdner Innenstadt. Ungefähr 25-30.000 Menschen kamen dabei ums Leben. Ein dritter Angriff, diesmal von der amerikanischen Air Force, erfolgte am darauffolgenden Mittag. Das Motiv des Bomber Command unter Leitung von Luftmarschall Arthur Harris galt in erster Linie der empfindlichen Schwächung der Fähigkeit Deutschlands, Krieg zu führen. »Das Kriegspotential des Feindes zu zerstören« sei die sicherste Methode um den Krieg zu gewinnen. Getroffen werden sollte die vielbeschworene Heimatfront. Dass er damit neben der Schwächung der Rüstungswirtschaft der deutschen Bevölkerung auch ein demoralisierendes Kollektiverlebnis beibrachte, sollte sich für den Kriegsverlauf nicht nachteilig auswirken. Den Zeitzeugenberichte der modernen Oral HistoryForschung sei Dank, häufen sich bis heute die Legenden und Mythen um den »Bomben- und Feuersturm« über Dresden. Jenseits der Totenarithmetik, die die Opferzahlen gerne auf das zehnfache herauftreibt, sind es vor allem die Geschichten von den Tieffliegern, die die Flüchtenden auf den Elbwiesen entlang trieben und zusammenschossen. Die »fliegenden Terroristen« hätten wahre »Luftmassaker« veranstaltet, sind allerdings sowohl militärtechnisch, meteorologisch sowie physikalisch-technisch hierzu nicht einmal ansatzweise in der Lage gewesen.

    Die »authentische« Zeitzeugengeschichte lebt jedoch weiter: »[…] Wieder erschienen 1000 Bomber, diesmal im Tiefflug, und dann schossen sie mit Bordwaffen in die sich windende Menschheit.«. Die Dämonisierung der Angriffe, der Wahn der Verfolgungssituation und die eingebundene Erinnerungstradierung beruht auf einem schlichten Prinzip. Der Ausfall von Mitgefühl für die Opfer des Nationalsozialismus, sowie die vitale Vergesslichkeit verbinden sich zu einem Ressentiment voller Projektionen gegen die Befreier von einst und führt neben der klassischen Erinnerungsabwehr selbst zu abwehraggressiven Verhalten. Weder existiert die Einsicht noch ein Fetzen von Überlegung hinsichtlich einer historischen Einbettung. Dabei ist die Erinnerungsabwehr nicht nur gesamtgesellschaftlich sondern auch generationsübergreifend: Das Alltagsgespräch mit Dresdner Enkeln wird neben der Reproduktion von Opfererzählungen vor allem einen konturlosen und diffusen Gegenstand offenbaren: »Coventry ist eben die im Krieg zerstörte Partnerstadt Dresdens« – kein Grund, so dermaßen – wie im Falle Dresdens – überzureagieren German history lessons Es ist nicht verwunderlich sondern nur folgerichtig, dass dem renommierten Historiker Jörg Friedrich – früher eher auffallend durch historisch klare Analysen zu Shoa und NS – die »Erzählkompetenz« zugesprochen wird, den »Holocaust des alliierten Bombenterrors« zu formulieren. »Der Brand«, mit dem Friedrich Winston Churchill als Kriegsverbrecher anklagen wollte, hat mittlerweile jedes noch so kleine deutsche Pissnest für seine Dorfchronik adaptiert, publiziert und jeden barocke Stein und jede verkohlte Leiche aufgerechnet. Neben der Tatsache, dass »Der Brand« eine kriegshistorische Einmaligkeit suggeriert, die es nie gegeben hat, ist es vor allem die Art der Darstellung von Leid, die so pervers erscheint. Die Toten des Luftkrieges von Dresden erscheinen als »Ausgerottete«, brennende Luftschutzkeller firmieren als »Krematorien« und die alliierten Bomberflotten werden zu nationalsozialistischen »Einsatzgruppen« gemacht. Die Projektion shoaspezifischer Opfer-Kategorien auf das TäterInnen-Kollektiv und die damit einhergehende Auflösung klassischer Gegenüberstellungen prägt diese Darstellung. Die hierin entdeckte »reinigende« Wirkung – die Teilhabe an einer »kollektiven Sühne« verbunden mit gleichzeitiger »Befreiung« von der Auseinandersetzung – soll die Lösung aller deutschen KollektivProbleme sein. Der Selbstzweck erscheint klar. Wenn schon Schuld am »wir« haftet, dann sollen die anderen nicht besser davon kommen. Innerhalb der Diskussion um Friedrichs Buch fällt weiterhin der inszenierte Tabubruch auf. Als typisches Element suggeriert er, obwohl es nichts dagegen einzuwenden gäbe, den Bombenkrieg im Nationalsozialismus zu erforschen sei etwas Verbotenes und Unterdrücktes. Die »Viktimisierung« lässt sich auch in diesem Kontext als Hintergrund vermuten. Ähnlich funktionierte in den sechziger Jahren die Debatte um die Kollektivschuld der Deutschen. Auch sie diente als gekünstelter Aufhänger und Scheindebatte, um von der eigenen Schuld abzulenken und die Unschuldsvermutung geltend zu machen. Niemand außer die Deutschen hatte die These ernsthaft formuliert. Ihre Funktion emotionsgeladener Abwehr – da durch den kollektiven Vorwurf kein Raum für Schuldanerkennung bliebe – erfüllte sie mit Bravour. Friedrich hat mit seiner als Tabubruch inszenierten Darstellung des Bombenkrieges zur Inbesitznahme der Erinnerung durch die TäterInnengeneration beigetragen deren manifeste Präsentation in Mahnmalen und Museen heute zum normalsten der Welt gehört. Die Feststellung, dass die »Deutschen nicht nur Täter, sondern auch Opfer waren« gehört mittlerweile zum guten Ton. Wenn ein liberales Dresdner Aktionsbündnis zum 13. Februar einen »Rahmen des Erinnerns« feststeckt, dann mag man dahinter eine TäterInnen-Anmaßung vermuten. Insofern sind wir in der Realität angekommen. Wenn darüber hinaus durch das Bündnis erklärt wird, »wir erinnern, weil die Generation der Zeitzeugen wertvolle Erfahrungen weitergeben kann, so ihre Friedenssehnsucht, die Hoffnung und die Lebenskraft des Wiederaufbaus«, dann kann nur von Verhöhnung der Opfer des Nationalsozialismus gesprochen werden. Europäische Dynamik Auf europäischer Ebene sollen die Antike oder die christliche Entfaltungsgeschichte heute die Säulen einer europäischen Identität bilden. Kurz hinter dem Lob auf das solidarische Miteinander der »Völker Europas« rangiert vielmehr auch die Shoa als gesamteuropäische Erfahrung in der Charta der europäischen Verfassung. Die Ermordung der Jüdinnen und Juden soll zum »Schlüsselereignis« einer neuen auf Verständigung und Dialog setzenden Vergangenheitsbetrachtung werden und bildet darüber hinaus die Herausforderung einer neuen »Schicksalsgemeinschaft.« Nun hat die Shoa mitnichten etwas mit Schicksal zu tun, sondern mit organisiertem antisemitischen Wahn und einer akribisch genau ausgeführten Umsetzung im Zuge derer über sechs Millionen Jüdinnen und Juden vernichtet wurden. Innerhalb einer wissenschaftlich ambitionierten Diskussion um die »Europäisierung« der Erinnerung an den Nationalsozialismus und die Shoa wird in letzter Zeit vermehrt die Entortung und das Verlassen der »nationalen Container« konstatiert. Nach Kaltem Krieg und dem damit verbundenen Aufbrechen insbesondere vieler osteuropäischer Gedächtnisse sei eine Entwicklung, die sich über die der eigenen heroischen Nation hinwegsetzt und nicht mehr den Rückgriff auf die Vergangenheit einer nationalen Kontinuität wegen zelebriert, ein unaufhaltsamer Trend. Nationale Identitäten wären per se im Auflösungsstadium begriffen. Dahinter angelegt ist die Wunschvorstellung einer europäischen Erinnerung, die sich naturalisierten Begriffskategorien, wie denen der Nation, verweigert und stattdessen einen universellen Begriff von Moral anstellt. Die Shoa wird aus ihren speziellen Kontexten gelöst und als neuer globaler Imperativ aufgestellt. Sie vermag somit ein Präzedenzfall-Modell anzudeuten, dass unter bewusster Einbeziehung des »Leids des Anderen« eine europäische Erinnerung von Vergangenheit konstruiert. Diese Exterritorialisierung ist seit Jahren durchaus gängige – wenn auch vereinzelt kritisierte – Praxis im erinnerungspolitischen Kontext. Im Land der TäterInnen nimmt man sich dieser euro-erinnerungspolitischen Entwicklung mit Freude an, verspricht doch das Ende der Ausgrenzung und die damit verbundene Einführung in den universellen Kreis eine weitestgehende Auflösung der Fragen nach Kontext und Differenz: »Alle Opfer sind Menschen.« Ihre Leidenserfahrung ist das wichtigste Element, sie steht im Zentrum der Darstellung, die Darstellung historischer Verläufe und Begründungen fällt dahinter ab. Hatte die Friedenbewegung der achtziger Jahre noch Mühe, die Scharnierfunktion zwischen Dresden, Hiroshima und tagesaktuellen Kriegsschauplätzen über Stichworte wie Sinnlosigkeit und Völkermord herzustellen, gelang ihr das innerhalb der Golfkriegsdiskussion umso besser. Bereits 1991 zog sie »Dresden« als solidarische Metapher gegen die angloamerikanischen Luftangriffe auf Bagdad heran. Dass auch im vergangenem Jahr neben Pace-Fahnen weiße Betttücher aus den Fenstern der Stadt gehangen wurden, somit die Bombenangriffe auf Bagdad eine sonderliche Verbindung zu denen auf Dresden im kollektiven Gedächtnis auslösten, unterstreicht, wie stabilisiert mittlerweile die Opferrolle ist. Nicht nur klassischer Antiamerikanismus – an sich schlimm genug – macht hier den konstitutiven Charakter aus, sondern die moralische Aufrechnungslogik der mittlerweile dritten Generation, deren Vermögen zur Derealisierung den Großvätern und Großmüttern in nichts nachsteht. Die politische Funktionalisieru ng dieses »doppelten Opfertums«, das schlussendlich auf die Kontinuität angloamerikanischer Aggressionspolitik hinausläuft, macht sich die rot-grüne Bundesregierung nicht zuletzt auf außenpolitischem Terrain zu Nutzen. In dieser Hinsicht geben die geschichtspolitischen StichwortgeberInnen der antiamerikanischen Gegenmacht-Position Deutschlands gegenüber den Vereinigten Staaten weitere Rückendeckung. Das realpolitische Ergebnis lässt nicht nur britische Veteranenverbände erschrecken. Denen war zumindest die Teilnahme Gerhard Schröders an den diesjährigen Feierlichkeiten anlässlich der Landung der Alliierten in der Normandie gründlich zuwider. War dies für die Regierung Kohl zehn Jahre zuvor noch kein Thema, erlangte den derzeitigen Kanzler neben einer französischen Einladungskarte die Gnade der späten Geburt. Ein Regierungssprecher kommentierte dies mit den Worten »dass sich die Zeiten tatsächlich geändert haben.« Wie wahr; neben der Befreiung vom Nationalsozialismus, für die die Landung der Alliierten ein wichtiger Schritt war, stellte der Festakt im Juni für den deutschen Kanzler eine Befreiung ganz anderer Art dar: Spätestens hier kann das Ankommen Deutschlands in der Normalität der europäischen Staatengemeinschaft festgemacht werden. Dass das kürzlich im Zuge eines Besuchs von Queen Elisabeth eingeforderte »sorry about Dresden« nicht zustande kam, hat daher vermutlich auch eher etwas mit aristokratischer Etikette zu tun als mit den Überesten der gesunden britischen Verachtung gegenüber den »Krauts.« Die ist zwar noch als Relikt in britischen Schulbüchern vorhanden, wie neulich ein europäisches Bildungsgremium erschreckt zur Kenntnis gab, das offizielle außenpolitische Verhältnis zwischen Deutschland und der Insel erscheint jedoch bestens. Sollte Tony Blair im Februar nach Dresden kommen, um an den öffentlichen Gedenkfeiern rund um der Frauenkirche teilzunehmen, wäre das nicht nur ein punktueller Sieg für die derzeitige deutsche Taktik in Sachen Erinnerung. Dresdener Legenden Dresden ist im Zusammenhang mit der Konstruktion eines deutschen Opfermythos über die Jahre hinweg zum Symbol geworden. Die Gründe dafür sind historisch bedingt und recht vielfältig. Bereits in den letzten Kriegsmonaten wurde die oft kolportierte Legende geprägt, Dresden sei eine »wehrlose« Kulturstadt die, da weitgehend intakt, mit »Flüchtlingen« überfüllt war und keinerlei militärische Bedeutung besaß. In den fünfziger Jahren – nach Gründung der DDR – wurden hingegen andere Schwerpunkte gesetzt und vorrangig Propaganda gegen die Westalliierten betrieben. Bis zum Ende der siebziger Jahre flaute die Gedenkfreudigkeit weitgehend ab. Ausschlaggebend für eine Wiederbelebung des Gedenkens und dessen Etablierung bis heute war eine Friedenskundgebung der DDR-Opposition an der zerstörten Frauenkirche 1982. An dieser Veranstaltung nahmen damals mehrere tausend Menschen teil. Die pazifistische Ausrichtung der Kundgebungen in den folgenden Jahren ermöglichte ein widerspruchsfreies Gedenken an den 13. Februar 1945 und damit verbunden eine modernisierte Interpretation der deutschen Opfererzählung.

    Das Ende der DDR und die Wiedervereinigung Deutschlands ermöglichten die gesamtgesellschaftliche Etablierung des deutschen Erinnerns. Mit einer Ansprache des Bundespräsidenten zum 50. Jahrestag wurde das Gedenken zum Staatsakt und damit die bundesweite symbolische Bedeutung Dresdens im deutschen Opferdiskurs weiter betont. In den folgenden Jahren erlebte die deutsche Erinnerungskultur am 13. Februar unterschiedliche Highlights. Hervorzuheben ist etwa die teilweise als Versöhnung interpretierte Übergabe des Kuppelkreuzes d er Frauenkirche durch den Herzog von Kent im Jahre 2000. Bis heute hat sich eine Gedenkkultur entwickelt und verfestigt, die vor allem durch die Initiative von Einzelpersonen und Vereinen getragen wird. Von verschiedenen Motivationen getragen und unterschiedlichen politischen Spektren entstammend ist jedoch allen der Bezug auf das den Deutschen »widerfahrene Leid« gemein. Dieser gemeinsame Blickwinkel auf die Erinnerung – das German Gedächtnis – ist es auch, der den DresdnerInnen und den Deutschen im Allgemeinen Identität stiftet.

    Verbunden durch das »tragische Moment« wird kulturell und politisch immer wieder Bezug auf den 13. Februar genommen. Und so finden auch in diesem Jahr verschiedenste Veranstaltungen und Aktionen unterschiedlichster Gruppierungen statt – von den Nationalsozialisten bis hin zu linksliberalen Kreisen. Am frühen Morgen eröffnet die offizielle Kranzniederlegung an der Gedenkstätte auf dem Heidefriedhof der Stadt Dresden den Trauermarathon. Hierbei nahmen verständlicherweise in den letzten Jahren auch immer Neonazis teil, die nach den offiziellen VertreterInnen der Stadt, des Landes, des Bundes und wahlweise geladenen Gästen ihre Kränze niederlegten. Im Jahre 2005 werden sie daran zum ersten Mal offiziell teilnehmen dürfen. Während in den letzten Jahren allenfalls der Schein einer Abgrenzung zu den Nazis gewahrt wurde, wird ihnen dieses Mal eine offizielle Teilnahme nicht verwehrt bleiben, da sie aufgrund ihrer Stadtrats- und Landtagsmandate nicht ausgeschlossen werden dürfen. Den bürgerlichen Trauermob wird auch in diesem Jahr ein überregionaler Großaufmarsch der Nazis flankieren, bei dem wie 2004 etwa 2000 TeilnehmerInnen zu erwarten sind. Störenfriede Für eine radikale Linke gibt es am 13. Februar einiges zu tun. Das nationale Erinnerungskollektiv beschränkt sich eben nicht nur auf ein paar durchgeknallte »Opa war kein Verbrecher«-Nazis, es schöpft die Kraft seiner Definitionsmacht – über das wie und was erinnert wird – aus Museen, Gedenkstätten und Erinnerungsstiftungen genauso wie aus publizistischen Debatten im Feuilleton, popkulturellem Diskurs und belletristischer Oral History. Die richtige Erkenntnis, dass sich das aktuelle German Gedächtnis durchaus durch Schuldanerkennung, eingeschränkter Haftung und moralischer Verbindlichkeit auszeichnet – sich die deutsche Nachkriegsgesellschaft also auf den »Lehren der Vergangenheit« gründet -, darf nicht dazu verleiten, eine primär positive Entwicklung zuzugestehen. Im Gegenteil. In Verbindung mit den Mechanismen der Universalisierung und den Abdrängen der Schuldfrage in allgemeine und abstrakte Instanzen – dem Gerede um Versöhnung, seelischer Wiedergutmachung und der Ächtung von Gewalt an sich – hat etwas viel Dramatischeres stattgefunden, etwas was selbst tausend pöbelnde Nazis nicht hinbekommen hätten: Die wiederholte Enteignung der Opfer.

    Stahl das deutsche Kollektiv im Zuge der Ermordung von Millionen Menschen seit 1933 das Hab und Gut seiner Opfer und »arisierte« jüdische Besitztümer, so enteignet man heute die Geschichte der Opfer. Jüdische Opfererzählungen werden übertönt und durch die eigenen Schrec kensgeschichten gleichgestellt. Die »Krematorien von Dresden« und die »vollgepferchten Güterwagons« mit Volksdeutschen sind dabei die infamsten Beispiele – in der Regel geschieht dies subtiler und uneindeutiger. Es ist deshalb für uns wichtig die öffentlich Inbesitznahme der Erinnerung an Shoa und Nationalsozialismus durch ein liberal verbrämtes deutsches Kollektiv zu verhindern. Die Fragmentierung der Geschichte, in der sich die Deutschen selbst mit einem Holocaust-Mahnmal wohlfühlen können, ist unerträglich. Die interkulturelle Praxis des Gedenkens, die Auschwitz und Dresden nebeneinander formuliert und in der alle gesellschaftlichen und historischen Bedingungen der »Tat« verschwinden, gilt es zu kritisieren und anzugreifen. Dies anzugehen muss primäres Ziel am 13. Februar sein. Deutsche Täter sind keine Opfer!

    Wenn Deutschland, dann Dresden.

    13.Februar Vorbereitungsgruppe Dresden,

    Gruppe Sabotage Dresden, AFBL Leipzig, bgr Leipzig, Quelle: Antifa Leipzig, AfA Halle, AG Gender Killer Berlin, graffiti hates germany (ghg-crew) Berlin, Antifaschistische Aktion Gera [AAG], aaffo – Frankfurt/Oder, AFA13 Pirna, Bad Weather Antifa Hamburg, Comité Rosè Bremen, Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus (BgAA) Berlin, Junge Linke/Jugendantifa Lippstadt, -a|r|t|e- Pirna, anti deutsche nürnberger antifa (a.n.n.a.), Vorbereitungsbündnis für die Mobilisierungsdemo am 30.Januar in Berlin (Antifaschistischer Aufstand Köpenick, Antifa Friedrichshain und Antifa Hohenschönhausen)